Taubheitsgefühl zwischen dem ersten und zweiten Zeh
Das Taubheitsgefühl im Zwischenraum zwischen dem ersten und zweiten Zeh wird am häufigsten durch eine Kompression des tiefen Peronealnervs (Nervus peroneus profundus) verursacht, bekannt als anteriores Tarsaltunnelsyndrom, oder seltener durch ein Morton-Neurom im ersten Interdigitalraum.
Differentialdiagnosen
Die wichtigsten Ursachen für Taubheit in diesem spezifischen Bereich sind:
1. Anteriores Tarsaltunnelsyndrom (häufigste Ursache)
- Kompression des tiefen Peronealnervs unter dem Retinaculum extensorum inferius 1
- Typische Symptome: nächtliche Schmerzen am Fußrücken, sensorische Defizite zwischen dem ersten und zweiten Zeh
- Klinische Zeichen: Parese und Atrophie des Musculus extensor digitorum brevis, verlängerte distale Latenz des Nervs 1
2. Morton-Neurom im ersten Interdigitalraum (selten)
- Obwohl Morton-Neurome typischerweise im zweiten und dritten Zwischenraum auftreten, können sie sehr selten auch im ersten Zwischenraum vorkommen 2, 3
- Symptome: Vorfußschmerzen beim Gehen, verstärkt durch enge Schuhe mit hohen Absätzen 3
3. Diabetische periphere Neuropathie
- Bei Diabetikern muss immer eine distal-symmetrische Polyneuropathie ausgeschlossen werden 4, 5
- Die Beteiligung großer Nervenfasern verursacht Taubheit und Verlust der Schutzempfindung 4, 5
Diagnostisches Vorgehen
Anamnese - spezifische Details
- Diabetes mellitus (Dauer >5 Jahre bei Typ 1, bei Diagnose bei Typ 2) 5, 6
- Nächtliche Schmerzen am Fußrücken (spricht für anteriores Tarsaltunnelsyndrom) 1
- Schuhwerk: enge, hochhackige Schuhe (Morton-Neurom) 3
- Rauchen, Beruf mit geschlossenem Schuhwerk 7
- Vitamin-B12-Mangel, Hypothyreose, Nierenerkrankungen, Alkohol, neurotoxische Medikamente 4
Klinische Untersuchung
Für anteriores Tarsaltunnelsyndrom:
- Palpation des Fußrückens unter dem Retinaculum extensorum
- Tinel-Zeichen am Fußrücken
- Prüfung des M. extensor digitorum brevis auf Atrophie 1
Für periphere Neuropathie (bei Diabetikern obligat):
- 10-g-Monofilament-Test (Schutzempfindung) 4, 5, 6
- Stimmgabeltest 128 Hz (Vibration - große Fasern) 5, 8
- Nadelstich- und Temperaturempfindung (kleine Fasern) 4, 5
Für Morton-Neurom:
- Palpation der Interdigitalräume
- Mulder-Test 3
Bildgebung
- Röntgen des Fußes unter Belastung: Ausschluss von Deformitäten, MTP-Gelenkarthrose 9, 3
- Ultraschall: bei Verdacht auf Morton-Neurom, Nervenkompression 10, 11
- MRT: bei unklarer Diagnose oder atypischen Befunden 9, 3
- Elektrophysiologische Untersuchung: nur bei atypischen Befunden oder unklarer Diagnose 4, 5
Behandlung
Bei anteriorem Tarsaltunnelsyndrom
Konservativ (initial):
- Druckentlastung durch Schuhmodifikation
- Vermeidung enger Schuhe
- Orthopädische Einlagen
Chirurgisch:
- Dekompression des Nervs bei Versagen konservativer Maßnahmen 1
- Beseitigung der Kompressionsursache
Bei Morton-Neurom
Konservativ:
Chirurgisch:
- Exzision des Pseudoneuroms bei Versagen konservativer Therapie 3
Bei diabetischer Neuropathie
Glukosekontrolle optimieren (verhindert/verzögert Neuropathie bei Typ-1-Diabetes, verlangsamt Progression bei Typ-2-Diabetes) 4, 5
Pharmakologische Behandlung bei schmerzhafter Neuropathie:
Andere behandelbare Ursachen ausschließen:
- Vitamin-B12-Mangel, Hypothyreose, Alkohol, neurotoxische Medikamente 4
Wichtige Fallstricke
- Diabetische Neuropathie ist eine Ausschlussdiagnose - andere behandelbare Ursachen müssen ausgeschlossen werden 4
- Bis zu 50% der diabetischen peripheren Neuropathien sind asymptomatisch 4
- Das anteriore Tarsaltunnelsyndrom kann partiell sein (nur motorischer oder nur sensorischer Ast betroffen) 1
- Bei Diabetikern jährliches Screening mit 10-g-Monofilament obligat zur Prävention von Ulzerationen 5, 6