Supinationstrauma des Sprunggelenks: Mögliche Frakturen
Bei einem Supinationstrauma des Sprunggelenks sind folgende Frakturen möglich: vertikale Fraktur des Innenknöchels (Malleolus medialis), transversale Fraktur des Außenknöchels (Malleolus lateralis) distal, Fraktur des lateralen Talus-Processus (Snowboarder-Fraktur), Avulsionsfrakturen der Fibula, und in 42% der Fälle mit dislozierter medialer Malleolusfraktur eine marginale Plafond-Impressionsfraktur der Tibia 1.
Frakturmuster nach Lauge-Hansen Klassifikation
Supinations-Adduktions-Frakturen (SAD)
Die SAD-Frakturen entstehen durch Inversionskräfte bei supiniertem Fuß und zeigen charakteristische Muster 2:
- Mediale Malleolusfraktur: Vertikale Fraktur durch Kompressionskräfte
- Laterale Malleolusfraktur: Transversale Fraktur distal am Außenknöchel durch Zugkräfte
- Plafond-Impressionsfraktur: Bei 66% der SAD-Frakturen liegt eine Gelenkimpression vor, besonders bei dislozierten vertikalen Innenknöchelfrakturen (42% zeigen marginale Plafond-Impression) 2, 1
Supinations-Außenrotations-Frakturen (SER)
Bei SER-Mechanismus mit Außenrotation des Fußes 3:
- Laterale Malleolusfraktur: Spiralförmig oder schräg, typischerweise höher gelegen
- Syndesmosenverletzung: Häufig assoziiert, besonders wenn die Frakturlinie am posterioren Kortex >40,35 mm hoch liegt oder die Peak-Höhe >55,34 mm beträgt 3
- Mediale Strukturen: Deltabandruptur oder mediale Malleolusfraktur möglich
Häufig übersehene Frakturen
Lateraler Talus-Processus ("Snowboarder-Fraktur")
Diese Fraktur wird in 40-50% der Fälle auf Standardröntgenbildern übersehen 4. Besondere Aufmerksamkeit ist erforderlich bei Schwellung inferior des Außenknöchels - dies wird oft fälschlicherweise als laterale Sprunggelenksdistorsion diagnostiziert 4.
Intraepiphyseale distale Fibulafrakturen (Ogden Typ 7)
Bei pädiatrischen Patienten mit Supinations-Inversionstrauma können vollständig intraepiphyseale Frakturen auftreten, die von der Gelenkfläche durch den epiphysealen Knorpel verlaufen ohne Beteiligung der Wachstumsfuge 5.
Distale Fibula-Avulsionsfrakturen
Bei 26% der Patienten mit lateraler Sprunggelenksdistorsion kann eine okkulte Fibulafraktur mittels spezieller ATFL-Aufnahme identifiziert werden 4.
Begleitverletzungen
Bandverletzungen
Wichtiger Fallstrick: Bei SAD Stage 2 Frakturen kann trotz adäquater Frakturstabilisierung eine okkulte ATFL-Ruptur vorliegen, die eine Talusreposition verhindert 6. Dies erfordert intraoperative Fluoroskopie-Kontrolle und ggf. erweiterte Exploration.
Syndesmosenverletzungen
Bei SER-Frakturen mit hoher und steiler lateraler Malleolusfraktur (Inklinationswinkel >55,6°) besteht hohes Risiko für Syndesmosenverletzung 3. Der intraoperative Cotton-Test ist zur Verifizierung erforderlich.
Diagnostisches Vorgehen
Initiale Bildgebung
Röntgen in drei Ebenen (a.p., lateral, Mortise-Aufnahme) ist die Erstlinien-Bildgebung bei positiven Ottawa Ankle Rules 4:
- Unfähigkeit, unmittelbar nach Trauma zu belasten
- Druckschmerz über Malleolen, Talus oder Kalkaneus
- Unfähigkeit, 4 Schritte in der Notaufnahme zu gehen
Spezialaufnahmen bei Verdacht
- Broden-Aufnahme: Bei Verdacht auf laterale Talus-Processus-Fraktur (30-45° Innenrotation bei gebeugtem Knie) 4
- Gravity-Stress-Aufnahme: Zuverlässiger als manuelle Stressaufnahmen bei SER-Verletzungen mit Verdacht auf Deltabandruptur 4
- Belastungsaufnahmen: Wichtig zur Stabilitätsbeurteilung - medialer Clear Space <4 mm bestätigt Stabilität 4
Weiterführende Bildgebung
CT ohne Kontrastmittel ist indiziert bei 4:
- Komplexen Frakturen zur Beurteilung von Dislokation, Trümmerung und intraartikulärer Ausdehnung
- Posteriorer Malleolusfraktur und posterioren Pilon-Varianten
- Subtalar- und Talusfrakturen wegen komplexer Anatomie
MRT ohne Kontrastmittel bei 4:
- Persistierenden Schmerzen nach negativem Röntgen (okkulte Frakturen mit Knochenmarködem)
- Verdacht auf Bandverletzungen (ATFL am häufigsten betroffen)
- Talusfrakturen (erhöhtes Osteonekrose-Risiko)
Klinische Warnsignale
Hämatom nach 2 Wochen korreliert signifikant mit Arbeitsunfähigkeit 7. Druckschmerz am ATFL nach 2 Wochen ist signifikant assoziiert mit persistierendem Instabilitätsgefühl nach 9 Monaten (p=0,011) 7. Patienten mit Hämatom UND Instabilitätsgefühl nach 2 Wochen haben persistierende Instabilität bei Nachuntersuchung 7.