Antipsychotika nach EPMS-Risiko geordnet
Basierend auf der verfügbaren Evidenz lassen sich Antipsychotika in eine klare Rangfolge nach ihrem Risiko für extrapyramidale Symptome (EPMS) einordnen, wobei Clozapin das niedrigste und typische hochpotente Neuroleptika das höchste Risiko aufweisen.
Rangfolge vom niedrigsten zum höchsten EPMS-Risiko
Sehr niedriges Risiko
- Clozapin - niedrigstes EPMS-Risiko aller Antipsychotika 1, 2, 3
- Quetiapin - zweitniedrigstes Risiko 2, 3
Niedriges bis moderates Risiko
- Olanzapin - niedriges Risiko, vergleichbar mit Ziprasidon 1, 2
- Ziprasidon - niedriges Risiko, aber höher als Quetiapin 4, 2, 5
Moderates Risiko (dosisabhängig)
- Risperidon - bei niedrigen Dosen niedriges Risiko, bei Dosen ≥2 mg/Tag deutlich erhöhtes EPMS-Risiko 1, 6, 2, 3, 7
- Aripiprazol - moderates Risiko, insbesondere für Akathisie 7, 5
Hohes Risiko
- Amisulprid - höheres Risiko als atypische Antipsychotika 2
Sehr hohes Risiko (typische/konventionelle Neuroleptika)
Hochpotente Neuroleptika (höchstes Risiko):
- Haloperidol - sehr hohes EPMS-Risiko, "anticipated extrapyramidal symptoms" 1, 6, 5, 8
- Fluphenazin - sehr hohes Risiko 1
- Thiothixen - sehr hohes Risiko 1
- Loxapin - höchste Co-Verschreibungsrate von Antiparkinson-Medikamenten (96,35%) 3
- Trifluoperazin - sehr hohes Risiko 3
- Zuclopenthixol - sehr hohes Risiko 3
- Flupentixol - sehr hohes Risiko 3
Mittelpotente Neuroleptika:
- Perphenazin - "in-between" Nebenwirkungsprofil 1
- Molindon - "in-between" Nebenwirkungsprofil 1
- Clotiapine - hohes Risiko 3
Niedrigpotente Neuroleptika (geringeres EPMS-Risiko als hochpotente, aber höher als Atypika):
- Chlorpromazin - mehr Sedierung, weniger EPMS als hochpotente Neuroleptika 1, 6
- Thioridazin - mehr Sedierung, weniger EPMS als hochpotente Neuroleptika 1, 6
Wichtige klinische Überlegungen
Dosisabhängigkeit
Die EPMS-Inzidenz ist stark dosisabhängig. Risperidon zeigt bei Dosen unter 2 mg/Tag ein niedriges EPMS-Risiko, bei höheren Dosen steigt das Risiko deutlich an 1, 6, 2.
Patientenpopulation
Kinder, Jugendliche und Patienten mit bipolarer Störung haben ein höheres EPMS-Risiko als Erwachsene mit Schizophrenie 6, 7, 5. Bei pädiatrischen Patienten zeigten Ziprasidon (RR=3,59), Risperidon (RR=2,84) und Aripiprazol (RR=2,07) die höchsten Risiken im Vergleich zu Placebo 7.
Geschlechtsunterschiede
Weibliche Patienten haben ein erhöhtes EPMS-Risiko 7. Junge männliche Patienten haben ein besonders hohes Risiko für akute Dystonien 6.
Zeitverlauf
Das EPMS-Risiko nimmt paradoxerweise mit längerer Behandlungsdauer ab, möglicherweise durch Dosisanpassungen und Toleranzentwicklung 7.
Spezifische EPMS-Typen
- Akathisie: Aripiprazol zeigt besonders hohes Risiko 5
- Parkinsonismus: Haloperidol und hochpotente Neuroleptika 6, 8
- Tardive Dyskinesie: 50% Risiko bei älteren Patienten nach 2 Jahren kontinuierlicher Anwendung typischer Neuroleptika 1
Prophylaktische Maßnahmen
Anticholinergika sollten nicht routinemäßig zur EPMS-Prophylaxe eingesetzt werden 9. Kurzfristige Anwendung nur bei signifikanten EPMS erwägen, wenn Dosisreduktion und Medikamentenwechsel erfolglos waren 9.
Klinische Fallstricke
- Bei Parkinson-Patienten mit Psychose: Clozapin ist wirksam und gut verträglich; Quetiapin kann toleriert werden; Olanzapin wird nicht gut vertragen; Risperidon wird schlecht vertragen 2
- EPMS können als psychotische Agitation oder Angst fehlinterpretiert werden, insbesondere Akathisie 6
- Bei agitiertem Verhalten durch anticholinerge oder sympathomimetische Intoxikation können Antipsychotika die Agitation durch ihre anticholinergen Nebenwirkungen verschlimmern 4