Wundversorgung auf einer unfallchirurgischen Station
Die Wundversorgung auf einer unfallchirurgischen Station sollte systematisch nach evidenzbasierten Richtlinien erfolgen, wobei die Verwendung von einfacher Kochsalzlösung ohne Zusätze für die initiale Wundreinigung bei offenen Verletzungen empfohlen wird. 1
Initiale Wundversorgung
Wundreinigung und Spülung
- Spülung mit Kochsalzlösung ohne Zusätze wird für die Versorgung offener Wunden bei größeren Extremitätenverletzungen empfohlen (starke Empfehlung) 1
- Zusätze wie Seife oder Antiseptika bieten keinen zusätzlichen Nutzen 1
- Hochdruckspülung mit Spritzen kann zur Entfernung von Bakterien, Fremdkörpern und Blutgerinnseln eingesetzt werden 2
Débridement
- Gründliches Débridement ist der Schlüssel zur Wundheilung und sollte aggressiv durchgeführt werden 3
- Entfernung aller devitalisierten Gewebe mit einem Skalpell 2
- Ziel ist die Umwandlung einer chronischen Wunde in eine akute Wunde, um normale Heilungsphasen zu ermöglichen 3
Timing der chirurgischen Versorgung
- Patienten mit offenen Frakturen sollten so schnell wie möglich, idealerweise innerhalb von 24 Stunden nach der Verletzung, zur Débridement und Spülung in den OP gebracht werden (moderate Empfehlung) 1
- Die "6-Stunden-Regel" wird in der Literatur mit unterschiedlichen Ergebnissen diskutiert 1
Antibiotische Therapie
Systemische Antibiotika
- Frühe Verabreichung von Antibiotika wird empfohlen, um das Risiko einer tiefen Infektion bei offenen Frakturen zu senken (moderate Empfehlung) 1
- Bei größeren Extremitätenverletzungen wird die prophylaktische Gabe von systemischem Cefazolin oder Clindamycin empfohlen, außer bei Typ-III (und möglicherweise Typ-II) offenen Frakturen, für die eine zusätzliche Gram-negative Abdeckung bevorzugt wird (starke Empfehlung) 1
Lokale Antibiotika
- Lokale antibiotische Strategien wie Vancomycin-Pulver, Tobramycin-imprägnierte Perlen oder Gentamicin-beschichtete Nägel können vorteilhaft sein (moderate Empfehlung) 1
Wundverschluss und Wundabdeckung
Timing des Wundverschlusses
- Wundabdeckung innerhalb von 7 Tagen nach der Verletzung wird empfohlen (moderate Empfehlung) 1
- Definitiver Fixierung von Frakturen bei der initialen Débridement und primärer Wundverschluss bei ausgewählten Patienten kann in Betracht gezogen werden 1
- Temporäre externe Fixierung bleibt eine praktikable Option für die Behandlung offener Frakturen 1
Negative-Druck-Wundtherapie (NPWT)
- Nach geschlossener Frakturfixierung kann NPWT das Risiko einer Revisionsoperation oder SSI verringern 1
- Nach offener Frakturfixierung scheint NPWT im Vergleich zu versiegelten Verbänden keinen Vorteil zu bieten, da sie Wundkomplikationen oder Amputationen nicht verringert (starke Empfehlung) 1
- NPWT erhöht den Blutfluss, stimuliert die Angiogenese und verringert die Wundoberfläche 4
Verbandswechsel und Schmerzmanagement
Verbandsmaterial
- Silberbeschichtete Verbände werden nicht empfohlen, um Ergebnisse zu verbessern oder Pin-Site-Infektionen zu verringern (moderate Empfehlung) 1
- Die Wahl des Verbandsmaterials sollte Patientenpräferenzen und Kosten berücksichtigen 1
Schmerzmanagement
- Adäquate Schmerzlinderung während der Wundversorgung ist entscheidend, besonders bei Patienten mit tiefen offenen Wunden 5
- Lokale Anästhesie mit 1% Xylocain kann für eine schmerzlose Wundreinigung verwendet werden 2
Risikofaktoren für Wundinfektionen
Patientenbezogene Faktoren
- Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass es ein erhöhtes Risiko für SSI bei Rauchern und Diabetikern gibt (starke Empfehlung) 1
- Minimale Evidenz dafür, dass Rasse oder sozioökonomischer Status das Risiko einer SSI beeinflusst (moderate Empfehlung) 1
Präoperative Maßnahmen
- Präoperative Hautantiseptika sollten verwendet werden, wobei potenzielle Nebenwirkungen alternativer Hautvorbereitungslösungen zu berücksichtigen sind 1
- Wenn eine Haarentfernung erforderlich ist, sollte diese durch Clippen erfolgen; Rasieren sollte nicht Teil der Routinepraxis sein 1
Besondere Situationen
Notfallamputationen
- Notfallamputationen sind notwendig bei schweren Extremitätenverletzungen mit systemischer Infektion, die das Leben bedroht 6
- Sofortige Indikationen umfassen unkontrollierbare Blutungen trotz Tourniquet-Anwendung, etablierte Gasgangrän oder nekrotisierende Fasziitis, septischer Schock mit der Extremität als klare Quelle 6
Fallstricke und Vorsichtsmaßnahmen
- Die Wundversorgung sollte nicht als Nachgedanke betrachtet werden, sondern muss Teil des chirurgischen Plans sein 7
- Wunden, die in direkter Verbindung mit Knochenfrakturen stehen, sind besonders gefährdet aufgrund lokaler Gewebetraumata, resultierender Schwellung, Hämatombildung und verletzter Gefäße 7
- Die ideale postoperative Versorgung aller traumatischen Wunden umfasst einen chirurgischen Verband sowie Immobilisierung und Elevation der Verletzungsstelle 2
Die Wundversorgung auf einer unfallchirurgischen Station erfordert einen systematischen Ansatz mit besonderem Augenmerk auf gründliche Reinigung, angemessenes Débridement, rechtzeitige Antibiotikagabe und geeignete Wundabdeckung, um optimale Heilungsergebnisse zu erzielen und das Infektionsrisiko zu minimieren.