Signifikantes Dekrement bei repetitiver Stimulation für Myasthenia gravis
Ein Dekrement von mehr als 10% in der Amplitude oder Fläche des Muskelsummenaktionspotentials zwischen der ersten und vierten Antwort bei repetitiver Nervenstimulation (RNS) mit 2-5 Hz gilt als signifikant für die Diagnose einer Myasthenia gravis.
Diagnostische Kriterien für Myasthenia gravis mittels EMG
Repetitive Nervenstimulation (RNS)
- Primäres Diagnosekriterium: >10% Abnahme der Amplitude oder Fläche des Muskelsummenaktionspotentials (CMAP) zwischen der ersten und vierten Antwort bei Stimulation mit 2-5 Hz 1, 2
- Das klassische Dekrement-Muster bei Myasthenia gravis zeigt eine Abnahme innerhalb der ersten 4-5 Antworten, gefolgt von einer Stabilisierung oder leichten Zunahme der Amplitude bei weiteren Stimuli 3
- Dieses Muster unterscheidet sich von dem bei Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (LEMS), bei dem eine progressive Abnahme bis zur neunten Stimulation typisch ist 3
Sensitivität der RNS nach Muskelgruppen
- Die Sensitivität der RNS variiert je nach betroffener Muskelgruppe:
Ergänzende diagnostische Verfahren
- Bei normaler RNS und weiterhin bestehendem klinischen Verdacht: Single-Fiber-EMG (SFEMG) durchführen 1, 2
- SFEMG ist sensitiver als RNS (kann abnormales Jitter und Impulsblockaden nachweisen), aber weniger spezifisch und nicht überall verfügbar 5, 2
- Ein SFEMG-Befund gilt als abnormal, wenn >10% der Aktionspotentialpaare erhöhtes Jitter oder Impulsblockaden aufweisen 1
Klinische Anwendung und Interpretation
Wichtige Überlegungen
- Die Verwendung sowohl der Amplituden- als auch der Flächendekrement-Analyse kann die diagnostische Ausbeute um etwa 13% erhöhen 6
- Etwa 23% der Patienten zeigen ein negatives Amplitudendekrement, aber ein positives Flächendekrement 6
- Ein signifikantes Dekrement bei RNS tritt nie ohne erhöhtes Jitter und Impulsblockaden im SFEMG auf 5
Diagnostische Algorithmus
Erste Untersuchung: RNS mit 2-5 Hz an klinisch betroffenen Muskeln durchführen
- Bei okulärer Symptomatik: Gesichtsmuskeln testen
- Bei bulbärer Symptomatik: Anconeus und Nasalis bevorzugen
- Bei axialer/Extremitäten-Symptomatik: Trapezius bevorzugen
Interpretation:
- Dekrement >10% zwischen erster und vierter Antwort: diagnostisch für Myasthenia gravis
- Progressives Dekrement bis zur neunten Antwort: verdächtig auf LEMS
- Normales RNS bei klinischem Verdacht: SFEMG durchführen
Bei negativem RNS: SFEMG der betroffenen Muskelgruppe durchführen, besonders bei okulärer Myasthenie (100% Sensitivität) 4
Fallstricke und Besonderheiten
- Die Diagnose der Myasthenia gravis sollte nicht allein auf EMG-Befunden basieren, sondern im klinischen Kontext interpretiert werden
- Bei okulärer Myasthenie ist die RNS weniger sensitiv, SFEMG sollte bevorzugt werden 4
- Technische Faktoren können die Ergebnisse beeinflussen, daher ist eine standardisierte Durchführung wichtig
- Bei Verdacht auf Myasthenia gravis sollten auch andere diagnostische Tests wie Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper und der Eistest in Betracht gezogen werden 1
Die korrekte Interpretation des Dekrements bei repetitiver Nervenstimulation ist ein wichtiger Baustein in der Diagnostik der Myasthenia gravis und erfordert Erfahrung in der Durchführung und Interpretation elektrophysiologischer Untersuchungen.