Antibiotische Prophylaxe bei offenem Schädelhirntrauma
Bei offenem Schädelhirntrauma wird eine antibiotische Prophylaxe dringend empfohlen, um das Infektionsrisiko zu reduzieren. 1
Indikation und Begründung
Offene Schädelfrakturen gelten als kontaminierte Wunden (Klasse III) und erfordern daher eine antibiotische Therapie, nicht nur eine Prophylaxe im engeren Sinne. Die Antibiotikagabe dient als Ergänzung zum chirurgischen Débridement, um die bakterielle Belastung im Gewebe zu reduzieren. 2
Studien zeigen:
- Die Gesamtinzidenz von Infektionskomplikationen ist bei Patienten ohne Antibiotika signifikant höher (8,7% vs. 0,9%) 1
- Eine frühzeitige Antibiotikagabe ist entscheidend, da eine Verzögerung von mehr als 3 Stunden das Infektionsrisiko erhöht 2
Antibiotische Therapie
Empfohlene Antibiotika
- Cephalosporine werden aufgrund ihres breiten Wirkungsspektrums bevorzugt 3
- Bei schwerer Kontamination: Kombination aus Cephalosporin und Aminoglykosid (z.B. Gentamicin), ggf. mit Penicillin zur Abdeckung von Anaerobiern, insbesondere Clostridien 4
- Bei Verdacht auf MRSA: Zusätzlich Vancomycin 4
Zeitpunkt und Dauer
- Antibiotika sollten so früh wie möglich verabreicht werden 3
- Die empfohlene Dauer beträgt 3 Tage bei weniger schweren Verletzungen und bis zu 5 Tage bei schweren Verletzungen 2, 5
- Bei sekundären Eingriffen (Knochentransplantation, offene Reposition, Weichteiltransfer) wird eine zusätzliche 72-stündige Therapie empfohlen 5
Chirurgisches Management
- Operative Intervention ist indiziert bei offenen Schädelfrakturen, die tiefer als die Schädeldicke eingedrückt sind 6
- Frühzeitige Operation wird empfohlen, um das Infektionsrisiko zu senken 6
- Elevation und Débridement sind die chirurgischen Methoden der Wahl 6
Besondere Überlegungen
- Tiefe Gewebekulturen (keine Oberflächenabstriche) sollten vor Beginn der Antibiotikatherapie entnommen werden, um eine gezielte Therapie zu ermöglichen 4
- Bei anhaltender Infektion sollte die Antibiotikatherapie basierend auf Kulturergebnissen angepasst werden 5
- Tetanus-Prophylaxe sollte verabreicht werden, wenn in den letzten 10 Jahren keine Impfung erfolgt ist 4
Häufige Fehler und Fallstricke
- Verzögerte Antibiotikagabe: Antibiotika sollten so früh wie möglich verabreicht werden
- Unzureichende Abdeckung anaerober Erreger: Bei übelriechendem Ausfluss sollte an anaerobe Beteiligung gedacht werden 4
- Oberflächliche Abstriche können tiefe Erreger übersehen; tiefe Gewebekulturen sind vorzuziehen 4
- Zu lange prophylaktische Antibiotikagabe kann zur Resistenzentwicklung führen 2
Die Behandlung sollte nach 48-72 Stunden neu bewertet werden, mit möglicher Anpassung der Antibiotikatherapie basierend auf Kulturergebnissen, zusätzlichem chirurgischen Débridement oder bildgebenden Verfahren zur Beurteilung einer möglichen Osteomyelitis oder Abszessbildung 4.