Elektrophysiologische Diagnosekriterien für Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Die elektrophysiologische Diagnostik der ALS basiert auf den Awaji-Shima-Konsensus-Empfehlungen, wobei Faszikulationspotentiale den gleichen diagnostischen Stellenwert haben wie Fibrillationspotentiale und positive scharfe Wellen. 1
Grundlegende elektrophysiologische Untersuchungen
Nadel-Elektromyographie (EMG)
Wesentliche Befunde für die ALS-Diagnose:
- Aktive Denervierung: Fibrillationspotentiale und/oder positive scharfe Wellen
- Faszikulationspotentiale (besonders instabile Faszikulationspotentiale)
- Chronische partielle Denervierung mit Reinnervationszeichen:
Diagnostische Bedeutung:
Elektroneurographie (ENG)
Motorische Nervenleitgeschwindigkeit:
- Normale oder leicht reduzierte Nervenleitgeschwindigkeit
- Reduzierte Amplituden der Muskelsummenaktionspotentiale (MSAP) durch Axonverlust
- Ausschluss demyelinisierender motorischer Neuropathien 5
Sensorische Neurographie:
- Normale sensorische Nervenleitgeschwindigkeit
- Normale Amplituden der sensorischen Nervenaktionspotentiale (SNAP)
- Auch in motorisch stark betroffenen Regionen normal 5
Spezielle elektrophysiologische Techniken
Nachweis der Beteiligung des unteren Motoneurons (UMN)
- Transkranielle Magnetstimulation (TMS):
Quantitative EMG-Techniken
Motor Unit Number Estimation (MUNE):
- Quantifizierung des Verlusts funktionierender motorischer Einheiten
- Nützlich zur Verlaufsbeobachtung und in klinischen Studien 2
Weitere spezielle Techniken:
- Single-Fiber-EMG
- Makro-EMG
- Analyse des Entladungsmusters motorischer Einheiten
- Diese werden hauptsächlich in der Forschung eingesetzt, nicht in der Routinediagnostik 5
Diagnostische Strategie
Muskelauswahl für die EMG-Untersuchung:
Interpretation der Befunde:
- EMG-Veränderungen können in 93% der Fälle mit klinischer Beteiligung einer Region zusätzliche betroffene Regionen nachweisen
- Bei 40% der Patienten mit klinischer Beteiligung von zwei Regionen kann die EMG weitere betroffene Regionen aufdecken 3
Wichtige Beobachtungen:
- Denervierungsaktivität tritt in 72% der schwachen Muskeln auf, aber nur in 45% der nicht-schwachen Muskeln
- Faszikulationen treten in 56% der schwachen und 65% der nicht-schwachen Muskeln auf
- Reinnervationszeichen finden sich in 87-91% der schwachen und nicht-schwachen Muskeln
- In 44% der Muskeln treten neurogene MUPs ohne Denervierungsaktivität auf 3
Häufige Fallstricke und Vorsichtsmaßnahmen
Fehlinterpretation von Befunden:
- Spontanaktivität allein ist unzureichend für den Nachweis einer Beteiligung des unteren Motoneurons in klinisch nicht betroffenen Muskeln im Frühstadium
- Analyse der motorischen Einheitspotentiale ist entscheidend für die Dokumentation der Verteilung der Beteiligung des unteren Motoneurons 3
Differentialdiagnosen:
Die elektrophysiologische Untersuchung spielt eine entscheidende Rolle bei der ALS-Diagnose, indem sie die Beteiligung des unteren Motoneurons bestätigt und die Ausbreitung der Erkrankung dokumentiert, auch in klinisch noch nicht betroffenen Regionen.