Behandlung des Hämolytisch-Urämischen Syndroms (HUS)
Die Behandlung des Hämolytisch-Urämischen Syndroms erfordert eine sofortige Komplementinhibition mit Eculizumab oder Ravulizumab bei atypischem HUS, während bei STEC-HUS (Shiga-Toxin-produzierendes E. coli) primär supportive Maßnahmen indiziert sind.
Klassifikation und Diagnose
Formen des HUS:
Typisches HUS (STEC-HUS):
- Häufigste Form (ca. 90% der Fälle)
- Ausgelöst durch Shiga-Toxin-produzierende E. coli
- Oft nach blutigem Durchfall
- Meist einmaliges Ereignis
Atypisches HUS (aHUS):
- Seltenere Form (ca. 5-10% der Fälle)
- Durch Dysregulation des Komplementsystems
- Genetische Mutationen in 60% der Fälle 1
- Chronisch-rezidivierender Verlauf
Diagnostische Kriterien:
- Mikroangiopathische hämolytische Anämie (Schistozyten im Blutausstrich)
- Thrombozytopenie
- Akutes Nierenversagen
- Bei STEC-HUS: Nachweis von Shiga-Toxin oder STEC
Behandlung des atypischen HUS (aHUS)
Erstlinientherapie:
Sofortige Komplementinhibition:
Obligatorische Impfung gegen Meningokokken:
Supportive Maßnahmen:
- Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement
- Blutdruckkontrolle
- Nierenersatzverfahren bei schwerem Nierenversagen
Therapiemonitoring:
- Regelmäßige Kontrolle von Thrombozytenzahl, Hämoglobin, LDH, Nierenfunktion
- Überwachung neurologischer Symptome (10-20% der aHUS-Fälle haben neurologische Beteiligung) 1
- Monitoring von Komplementparametern (C3, C4, CH50, AP50) bei Verlängerung der Therapieintervalle 3
Therapiedauer:
- Mindestens 6 Monate Behandlung
- Erwägen einer Therapiebeendigung nach mindestens 3 Monaten stabilisierter/normalisierter Nierenfunktion 3
- Engmaschige Überwachung nach Absetzen der Komplementinhibition wegen Rezidivrisiko (10-20%) 3
Behandlung des typischen HUS (STEC-HUS)
Supportive Therapie:
- Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement
- Blutdruckkontrolle
- Behandlung der Anämie (ggf. Transfusionen)
- Nierenersatzverfahren bei Nierenversagen
Wichtige Hinweise:
- Keine Antibiotikagabe in der akuten Phase (kann Toxinfreisetzung verstärken)
- Keine Komplementinhibition routinemäßig indiziert 2
- Gute Prognose bei adäquater supportiver Therapie 4
Besondere Situationen
Schwangerschaftsassoziiertes aHUS:
- Komplementinhibition mit Eculizumab hat sich als wirksam erwiesen 3
- Fallspezifische Beurteilung für Langzeittherapie
Genetische Prädisposition:
- Genetische Testung bei aHUS empfohlen
- Ergebnisse beeinflussen Entscheidungen bezüglich Nierentransplantation 1
- Bei Patienten ≥50 Jahre mit C3-Glomerulopathie: Untersuchung auf monoklonale Proteine 3
Ethnische Besonderheiten:
- Patienten mit chinesischer oder japanischer Abstammung können aufgrund polymorphischer Varianten des C5-Gens (c.2654 G→A, c.2653 C→T) resistent gegen Anti-C5-Antikörper sein 3
Komplikationen und Nachsorge
- Engmaschige Überwachung nach Therapieende wegen Rezidivrisiko
- Bei Nierentransplantation: prophylaktische Komplementinhibition zur Verhinderung eines Rezidivs im Transplantat 5
- Langfristige Nachsorge der Nierenfunktion, da aHUS unbehandelt bei mehr als 50% der Patienten zu terminalem Nierenversagen führt 4
Die Behandlung des HUS hat sich durch die Einführung der Komplementinhibitoren deutlich verbessert, insbesondere für Patienten mit aHUS. Die frühzeitige Diagnose und Unterscheidung zwischen STEC-HUS und aHUS ist entscheidend für die Wahl der optimalen Therapiestrategie und das Outcome der Patienten.