Erstmaßnahmen bei lebensbedrohlichen Zuständen: Schock, schwere Hypotonie und Atemnot
Bei einem Patienten mit Anzeichen eines lebensbedrohlichen Zustands wie Schock, schwerer Hypotonie und Atemnot sollte sofort das ABCDE-Schema angewendet werden, wobei die Sicherung der Atemwege und die Stabilisierung des Kreislaufs höchste Priorität haben. 1
Sofortige Beurteilung und Maßnahmen
A - Atemwege (Airway)
- Sofortige Beurteilung der Atemwegsdurchgängigkeit und deren Aufrechterhaltung haben höchste Priorität 2
- Bei Anzeichen einer Atemwegsverlegung oder -bedrohung (Stridor, Unfähigkeit zu schlucken, Stimmveränderungen) sollte eine frühzeitige Atemwegssicherung erfolgen 3
- Bei Bewusstlosigkeit Kopf überstrecken, Kinn anheben und ggf. Guedel- oder Wendl-Tubus einlegen 1
- Bei Patienten mit Atemstillstand sollte sofort mit Beatmung begonnen werden 4
B - Beatmung (Breathing)
- Sauerstoffgabe bei Atemnot oder Sauerstoffsättigung <90%, mit dem Ziel einer Sättigung >95% 4
- Bei schwerer Atemnot und Hypoxämie ohne Hypotonie sollte nicht-invasive Beatmung (CPAP, BiPAP) erwogen werden 4
- Bei respiratorischer Erschöpfung, Hypoxämie, Hyperkapnie oder Azidose ist eine Intubation indiziert 4
- Kontinuierliche Überwachung der Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz 4
C - Kreislauf (Circulation)
- Bei Hypotonie oder Schockzeichen sofortige Anlage eines intravenösen Zugangs und Flüssigkeitstherapie 4
- Bei fehlendem Ansprechen auf Flüssigkeitsgabe Einsatz von Vasopressoren zur Aufrechterhaltung des Zielblutdrucks 4
- Bei myokardialer Dysfunktion Gabe von inotropen Substanzen 4
- Bei schwerer Herzinsuffizienz mit therapierefraktärer Hypotonie können extrakorporale Verfahren wie VA-ECMO erwogen werden 4, 5
D - Disability (neurologischer Status)
- Schnelle Beurteilung des Bewusstseinszustands (AVPU: Alert, Voice, Pain, Unresponsive) 6
- Bei verändertem Bewusstseinszustand ist die Sicherstellung von Atemweg, Atmung und Kreislauf vorrangig 6
- Blutzuckerkontrolle bei Bewusstseinsveränderungen 1
E - Exposure (Exposition/Umgebung)
- Vollständige Untersuchung des Patienten zur Identifizierung weiterer Probleme 1
- Vermeidung von Unterkühlung 4
Spezifische Maßnahmen bei verschiedenen Schockformen
Kardiogener Schock
- Bei Anzeichen eines kardiogenen Schocks (Hypotonie, Tachykardie, Zeichen der Organminderperfusion) sollte eine rasche hämodynamische Stabilisierung erfolgen 4
- Gabe von Diuretika bei Lungenödem mit Flüssigkeitsüberlastung 4
- Nitrate bei symptomatischer Herzinsuffizienz mit systolischem Blutdruck >90 mmHg 4
- Bei schwerer Herzinsuffizienz mit therapierefraktärer Hypotonie können inotrope Substanzen erwogen werden 4
Hypovolämischer Schock
- Bei traumatischem hypovolämischem Schock sollte die Kreislaufstabilisierung vor der Atemwegssicherung priorisiert werden (CAB statt ABC), da eine frühe Intubation ohne vorherige Volumentherapie die Mortalität erhöhen kann 7
- Schnelle Flüssigkeitsresuszitation mit kristalloiden Lösungen 4
- Bei fehlendem Ansprechen auf Flüssigkeitstherapie frühzeitige Gabe von Vasopressoren 4
Anaphylaktischer Schock
- Bei Verdacht auf Angioödem mit Bradykardie sofortige Beurteilung der Atemwege 3
- Bei hämodynamisch instabiler Bradykardie (Herzfrequenz <60/min mit Symptomen) Gabe von Atropin 0,5-1 mg i.v. als Erstlinientherapie 3
- Bei fehlendem Ansprechen auf Atropin Erwägung einer i.v.-Infusion von β-adrenergen Agonisten (Dopamin, Adrenalin) 3
Septischer Schock
- Frühzeitige Antibiotikagabe nach Abnahme von Blutkulturen 4
- Aggressive Flüssigkeitstherapie und bei Bedarf Vasopressoren 4
- Zielgerichtete Beatmungsstrategien bei septisch bedingtem ARDS 4
Wichtige Hinweise und häufige Fallstricke
- Die Sicherung der Atemwege hat höchste Priorität, ohne die eine erfolgreiche Reanimation unmöglich ist 2
- Bei Patienten mit aktiver Blutung kann eine frühe Intubation ohne vorherige Volumentherapie zu einer postintubativen Hypotonie mit erhöhter Mortalität führen 7
- Kontinuierliche Überwachung der Vitalparameter während des Transports ist unerlässlich, da Transportkomplikationen häufig sind 4
- Bei Verdacht auf Opioidüberdosierung sollte die Standardreanimation Vorrang vor der Naloxongabe haben, wobei der Fokus auf qualitativ hochwertiger CPR (Kompressionen plus Beatmung) liegt 4
- Bei Patienten mit Lungenödem und schwerer Dyspnoe können Opiate zur Linderung von Atemnot und Angst erwogen werden, jedoch sollte die Atmung überwacht werden 4
Die sofortige Erkennung und Behandlung lebensbedrohlicher Zustände nach dem ABCDE-Schema verbessert das Überleben und die Lebensqualität der Patienten erheblich. Eine strukturierte Herangehensweise und die Priorisierung der kritischsten Probleme sind entscheidend für ein erfolgreiches Management.