Zusammenhang zwischen Augeninfarkt und Karotisstenose
Ja, es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Augeninfarkt (retinale Ischämie) und Karotisstenose, wobei Karotisstenosen eine der Hauptursachen für retinale Ischämien darstellen.
Pathophysiologischer Zusammenhang
- Die häufigste Ursache für einen Augeninfarkt (Amaurosis fugax, retinale Ischämie) ist die Atherosklerose der ipsilateralen Arteria carotis interna 1
- Retinale Ischämien entstehen durch:
- Thromboembolien aus atherosklerotischen Plaques der Karotisarterien 2
- Atheroembolien von Cholesterinkristallen oder anderem atheromatösen Material (z.B. Hollenhorst-Plaques) 2
- Akute thrombotische Verschlüsse einer extrakraniellen Arterie durch Plaqueruptur 2
- Reduzierte zerebrale Perfusion durch kritische Stenosen oder Verschlüsse 2
Klinische Manifestationen
- Monokulare Sehstörungen (transiente monokulare Blindheit/Amaurosis fugax) sind typische Symptome einer Karotisstenose 2
- Symptome und Anzeichen einer Ischämie oder eines Infarkts im Versorgungsgebiet der rechten Arteria carotis interna oder der mittleren Hirnarterie umfassen unter anderem monokulare Blindheit des rechten Auges 2
- Bei Ischämie oder Infarkt im Versorgungsgebiet der linken Arteria carotis interna kann es zu monokularer Blindheit des linken Auges kommen 2
Diagnostische Erkenntnisse
- Bis zu 70% der Patienten mit symptomatischen okulären vaskulären Ereignissen weisen eine klinisch signifikante Karotisstenose auf 1
- Bei Patienten mit akuter retinaler Ischämie werden in bis zu 31% der Fälle multiple kleine zerebrale Infarkte gefunden, die mit ipsilateralen atheromatösen Karotisstenosen assoziiert sind 2
- Retinale ischämische perivaskuläre Läsionen (RIPLs) sind anatomische Marker für Ischämie und korrelieren positiv mit dem Stenosegrad der Karotisarterien 3
Diagnostisches Vorgehen
- Bei Verdacht auf einen Augeninfarkt sollte eine sofortige Überweisung in eine Notaufnahme oder ein Schlaganfallzentrum zur neurologischen Untersuchung innerhalb von 24 Stunden nach Symptombeginn erfolgen 1
- Eine diffusionsgewichtete MRT des Gehirns sollte durchgeführt werden, da bei bis zu 24% der Patienten mit akuten okulären vaskulären Ereignissen stumme Hirninfarkte vorliegen 1
- Die Bildgebung der Karotisarterien ist essentiell, da bei bis zu 70% der Patienten mit symptomatischen okulären vaskulären Ereignissen eine klinisch signifikante Karotisstenose entdeckt wird 1
Risikobewertung und Prognose
- Das Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Amaurosis fugax ist in den ersten 7 Tagen am höchsten und bleibt für 30 Tage nach dem Erstereignis erhöht 1
- Das 3-Jahres-Schlaganfallrisiko beträgt:
- 1,8% bei Patienten mit 0-1 Risikofaktoren
- 12,3% bei Patienten mit 2 Risikofaktoren
- 24,2% bei Patienten mit 3-4 Risikofaktoren 1
Therapeutische Konsequenzen
- Bei symptomatischer Karotisstenose mit okulären Ischämiesyndromen kann eine Karotisendarterektomie (CEA) oder Stentimplantation (CAS) erwogen werden 4, 5
- Studien zeigen, dass bei 93,3% der Patienten mit okulären Ischämiesyndromen nach Karotisrevaskularisation eine Verbesserung oder Stabilisierung der Sehfunktion erreicht werden kann 5
- Thrombozytenaggregationshemmung (75-325 mg Aspirin täglich) wird für Patienten mit dokumentierter Amaurosis fugax empfohlen 1
Häufige Fallstricke
- Verzögerung der Überweisung an Notfalldienste oder ein Schlaganfallzentrum (sollte innerhalb von 24 Stunden erfolgen) 1
- Übersehen von stummen Hirninfarkten in der Bildgebung, die trotz transienter Symptome vorhanden sein können 1
- Unterschätzung der systemischen Bedeutung eines Augeninfarkts, der als Warnzeichen für ein erhöhtes Schlaganfall- und kardiovaskuläres Risiko dient 2