Wirksamkeit von Venlafaxin bei funktioneller Dyspepsie
Venlafaxin wird nicht für die Behandlung der funktionellen Dyspepsie empfohlen, da es in einer hochwertigen randomisierten kontrollierten Studie keine Wirksamkeit gegenüber Placebo zeigte und von vielen Patienten schlecht vertragen wurde. 1
Evidenz gegen Venlafaxin bei funktioneller Dyspepsie
Die wichtigste Evidenz stammt aus einer multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie, die keinen Nutzen von Venlafaxin gegenüber Placebo bei einer großen Patientengruppe mit funktioneller Dyspepsie nachweisen konnte 1. Zusätzlich wurde Venlafaxin von einer beträchtlichen Anzahl von Patienten schlecht vertragen 1.
Die routinemäßige Anwendung von Venlafaxin und anderen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRIs) zur Behandlung von Patienten mit funktioneller Dyspepsie wird daher nicht empfohlen. 1
Aktuelle Leitlinienempfehlungen für funktionelle Dyspepsie
Die British Society of Gastroenterology Leitlinien von 2022 erwähnen SNRIs wie Venlafaxin nur als potenzielle zukünftige Forschungsthemen, nicht als etablierte Therapie 2. Die Leitlinien empfehlen stattdessen:
Erstlinientherapie:
- Protonenpumpenhemmer (PPI) in voller Dosis (z.B. Omeprazol 20 mg einmal täglich) bei ulkusartiger Dyspepsie mit epigastrischen Schmerzen 3, 4
- Prokinetika bei dysmotilitätsartiger Dyspepsie mit Völlegefühl, Blähungen und früher Sättigung 4, 5
- H. pylori-Eradikation bei positivem Test 3, 4
Zweitlinientherapie:
- Trizyklische Antidepressiva (TCA) wie Amitriptylin sind die einzige Antidepressiva-Klasse mit nachgewiesener Wirksamkeit bei funktioneller Dyspepsie 2, 3, 4, 6
- Beginn mit niedriger Dosis (z.B. Amitriptylin 10 mg einmal täglich) und langsame Titration bis maximal 30-50 mg täglich 2, 3
- Antipsychotika wie Sulpirid 100 mg viermal täglich oder Levosulpirid 25 mg dreimal täglich können als Zweitlinientherapie erwogen werden 2
Wichtige Unterscheidung: Venlafaxin bei IBS vs. funktioneller Dyspepsie
Wichtiger Hinweis: Obwohl Venlafaxin bei Reizdarmsyndrom (IBS) möglicherweise wirksam sein kann 7, ist dies eine andere Erkrankung als funktionelle Dyspepsie. Die Evidenz für IBS kann nicht auf funktionelle Dyspepsie übertragen werden 1.
Pharmakodynamische Überlegungen
Während Venlafaxin theoretisch die Magenakkommodation verbessern, die Kolonkompliance erhöhen und Empfindungen bei Dehnung reduzieren kann 8, überwiegen in der klinischen Praxis die Nebenwirkungen den potenziellen Nutzen bei funktioneller Dyspepsie 1, 8.
Offene Fragen
Ob bestimmte Untergruppen von Patienten, insbesondere solche mit ängstlichen oder depressiven psychiatrischen Komorbiditäten, von einer Behandlung mit SNRIs profitieren könnten, bleibt ungeklärt 1. Bis weitere Studien vorliegen, sollten jedoch TCA bevorzugt werden, wenn eine antidepressive Therapie bei funktioneller Dyspepsie indiziert ist 6.
Praktisches Vorgehen
Bei refraktärer funktioneller Dyspepsie nach Versagen der Erstlinientherapie:
- Wechsel von PPI zu Prokinetikum oder umgekehrt erwägen 3, 4
- Bei weiterhin persistierenden Symptomen: TCA (nicht SNRI) als Zweitlinientherapie einsetzen 2, 3, 6
- Patienten über Nebenwirkungsprofil aufklären und niedrig beginnen 2
- Bei schwerer oder refraktärer Dyspepsie: multidisziplinäres Team einbeziehen 2