Duodenektomie und Arzneimittelresorption
Hauptempfehlung
Bei Patienten nach Duodenektomie muss die Arzneimitteltherapie individuell angepasst werden, wobei parenterale, transdermale oder rektale Applikationswege bevorzugt werden sollten, wenn die intestinale Absorptionskapazität erheblich eingeschränkt ist. 1
Pathophysiologische Grundlagen
Die Duodenektomie führt zu mehreren kritischen Veränderungen, die die Arzneimittelresorption beeinträchtigen:
- Verlust der primären Absorptionsfläche: Das Duodenum ist der Hauptort für die Absorption vieler Medikamente, insbesondere solcher mit pH-abhängiger Löslichkeit 2, 3
- Veränderte Magenentleerung und Transitzeit: Diese Faktoren beeinflussen die Arzneimittelfreisetzung und -verfügbarkeit im Darmlumen erheblich 3
- Gestörte Gallensäure- und Pankreasenzymfunktion: Dies beeinträchtigt die Absorption lipophiler Medikamente und fettlöslicher Vitamine 1
- Hypergastrinämie und Hypersekretion: Nach Enterektomie kommt es zu erhöhter Magensäureproduktion, die den oberen Darm "durchspült" und die Absorptionszeit minimiert 1
Praktisches Management der Arzneimitteltherapie
Bevorzugte Applikationswege
Parenterale und alternative Verabreichungsformen sollten bei kritischen Medikamenten priorisiert werden:
- Intravenöse Gabe: Erste Wahl für Medikamente mit enger therapeutischer Breite (z.B. Antikoagulanzien, Antiepileptika) 1
- Transdermale Systeme: Geeignet für Analgetika (Fentanyl-Pflaster) und andere verfügbare Wirkstoffe 1
- Rektale Applikation (Suppositorien): Alternative bei eingeschränkter intestinaler Absorption 1
- Sublinguale Gabe: Umgeht den First-Pass-Metabolismus und die intestinale Absorption 1
Orale Medikation: Kritische Überlegungen
Wenn orale Medikation unvermeidbar ist, müssen folgende Anpassungen vorgenommen werden:
- Höhere Dosen erforderlich: Aufgrund reduzierter Bioverfügbarkeit kann eine Dosissteigerung notwendig sein 1, 2
- Therapeutisches Drug Monitoring: Plasmaspiegelkontrollen sind bei Medikamenten mit messbaren Konzentrationen obligatorisch 1
- Flüssige Formulierungen bevorzugen: Lösungen werden besser absorbiert als Tabletten oder Kapseln, wenn oral verabreicht werden muss 1, 4
- Retardpräparate vermeiden: Diese sind bei verkürzter Transitzeit und reduzierter Absorptionsfläche unzuverlässig 4
Spezifische Medikamentenklassen
Protonenpumpenhemmer und H2-Blocker:
- Bei Stuhlvolumen >2 L/Tag in den ersten 6 Monaten postoperativ obligatorisch 1
- Reduzieren Stuhlgewicht und Natriumverlust um 20-25% 1
- Bei Versagen von Tabletten/Kapseln: lösliche Formen oder intravenöse Gabe verwenden 1
Antidiarrhoika:
- Loperamid ist Mittel der ersten Wahl (nicht sedierend, kein Suchtpotenzial) 1
- Wirksamkeit durch objektive Messungen des Stuhlvolumens überwachen 1
- Codein und Opiate nur als zweite Wahl wegen ZNS-Nebenwirkungen 1
Antikoagulanzien:
- Warfarin mit INR-Monitoring ist die sicherste Option nach intestinaler Resektion 5
- Direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs) sollten vermieden werden, da unzureichende Daten zur Absorption vorliegen 5
Monitoring-Protokoll
Engmaschige Überwachung ist essentiell:
- Klinische Wirksamkeit: Regelmäßige Beurteilung des therapeutischen Effekts 1
- Plasmaspiegel: Bei verfügbaren Assays für kritische Medikamente 1
- Elektrolyte und Flüssigkeitsstatus: Besonders Natrium, da Patienten oft mehr sezernieren als sie oral aufnehmen 1
- Zeichen der Malabsorption: Steatorrhoe, Gewichtsverlust, Vitaminmangel 1
Häufige Fallstricke
Kritische Fehler, die vermieden werden müssen:
- Annahme normaler Absorption: Nie davon ausgehen, dass Standarddosen ausreichen 1, 2
- Fehlende Plasmaspiegelkontrollen: Bei Medikamenten mit enger therapeutischer Breite unverzichtbar 1
- Ignorieren der Anatomie: Die verbleibende Darmlänge und -anatomie bestimmt die Absorptionskapazität 1
- Magnesiumhaltige Laxantien: Bei gleichzeitiger Niereninsuffizienz kontraindiziert wegen Hypermagnesiämie-Risiko 6
- Unzureichende Patientenaufklärung: Patienten müssen über veränderte Medikamentenwirkung informiert werden 7, 4
Langzeitmanagement
Nach Stabilisierung der akuten Phase:
- Intestinale Adaptation: Der Darm adaptiert über 18-24 Monate, Medikamentendosen müssen entsprechend angepasst werden 1
- Regelmäßige Reevaluation: Absorptionskapazität kann sich mit der Zeit verbessern 1
- Vitamin- und Spurenelementmonitoring: 2-3 mal jährlich bei Patienten mit >75% parenteraler Ernährung 1
- Octreotid bei refraktärem High-Output: Nur kurzfristig und unter engmaschiger Überwachung wegen möglicher Interferenz mit intestinaler Adaptation 1