Dronabinol bei strahlentherapieinduzierter Übelkeit
Klare Empfehlung
Dronabinol sollte NICHT zur Prophylaxe oder Erstlinienbehandlung von strahlentherapieinduzierter Übelkeit eingesetzt werden. Die aktuellen ASCO- und MASCC-Leitlinien von 2024 und 2022 empfehlen ausdrücklich gegen die Verwendung von Cannabinoiden zur Prävention von strahlentherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen 1. Die FDA-Zulassung für Dronabinol beschränkt sich auf chemotherapieinduzierte Übelkeit bei Patienten, die auf konventionelle Antiemetika nicht angesprochen haben 2.
Evidenzbasierte Erstlinientherapie
Für strahlentherapieinduzierte Übelkeit sind 5-HT3-Antagonisten (Ondansetron, Granisetron) die Therapie der Wahl:
Bei hohem Risiko (>90%, z.B. Ganzkörperbestrahlung): 5-HT3-Antagonist vor jeder Fraktion während der gesamten Strahlentherapie plus Dexamethason 4 mg während der Fraktionen 1-5 3, 1
Bei moderatem Risiko (60-90%, z.B. Oberbauchbestrahlung): 5-HT3-Antagonist vor jeder Fraktion, optional Dexamethason 4 mg während der Fraktionen 1-5 3, 1
Bei niedrigem Risiko (30-60%): 5-HT3-Antagonist entweder prophylaktisch oder als Bedarfstherapie 3
Meta-Analysen zeigen, dass 5-HT3-Antagonisten signifikant wirksamer sind als Placebo (OR 0.49 für Erbrechen, OR 0.43 für Übelkeit) 4
Warum Dronabinol nicht empfohlen wird
Die Leitlinienempfehlungen gegen Cannabinoide bei strahlentherapieinduzierter Übelkeit basieren auf mehreren Faktoren:
Die MASCC-Leitlinie von 2022 rät ausdrücklich von der Verwendung von Cannabinoiden zur Prävention von strahlentherapieinduzierter Übelkeit ab 1
Die meisten Studien zu Cannabinoiden wurden in den 1970er und 1980er Jahren durchgeführt und untersuchten chemotherapieinduzierte, nicht strahlentherapieinduzierte Übelkeit 1
Es gibt nur sehr wenige Studien, die Cannabis oder Cannabinoide speziell bei strahlentherapieinduzierter Übelkeit untersucht haben, und diese lieferten keine klaren Beweise für deren Wirksamkeit 1
Die FDA-Zulassung für Dronabinol gilt ausschließlich für chemotherapieinduzierte Übelkeit bei Versagen konventioneller Antiemetika, nicht für strahlentherapieinduzierte Übelkeit 2
Management bei therapierefraktärer Übelkeit
Wenn trotz 5-HT3-Antagonisten Übelkeit auftritt, sollte folgendes Vorgehen gewählt werden:
Zunächst andere Ursachen ausschließen: Obstipation, Elektrolytstörungen, Hyperkalzämie, ZNS-Metastasen 3
Hinzufügen (nicht ersetzen) eines Antiemetikums aus einer anderen Wirkstoffklasse:
Lorazepam kann bei Durchbruchübelkeit zusätzlich eingesetzt werden 1
Theoretische Rolle von Dronabinol als letzte Option
Nur in extrem seltenen Fällen, wenn alle Standardtherapien versagt haben, könnte Dronabinol erwogen werden:
Dies wäre ein Off-Label-Einsatz ohne Evidenzbasis für strahlentherapieinduzierte Übelkeit 1, 2
Die Dosierung würde sich an der chemotherapieinduzierten Übelkeit orientieren: 2,5-5 mg oral zweimal täglich 2
Wichtige Nebenwirkungen: Dysphorie, Euphorie, Sedierung, Schwindel, Verwirrtheit (traten bei 18% der Patienten auf) 1, 2
Psychiatrische Nebenwirkungen sind besonders bei Patienten mit psychiatrischer Vorgeschichte zu beachten 2
Wichtige Fallstricke
Niemals Dronabinol als Erstlinientherapie verwenden – dies widerspricht allen aktuellen Leitlinien 1, 3
Nicht einfach die Dosis des 5-HT3-Antagonisten erhöhen, wenn dieser versagt – stattdessen ein Medikament mit anderem Wirkmechanismus hinzufügen 3
Medizinisches Marihuana ist keine Alternative zu FDA-zugelassenen Cannabinoiden, da präzise definierte Dosen und Zeitpläne fehlen 5
Bei älteren Patienten sollten reduzierte Dosen aller Antiemetika verwendet werden 3