Diagnostischer Ansatz bei chronischer Müdigkeit mit erhöhtem Ferritin
Bei einem Patienten mit chronischer Müdigkeit und einem Ferritin von 400 µg/L sollten Sie zunächst die Transferrinsättigung bestimmen, um zwischen echter Eisenüberladung und entzündungsbedingter Hyperferritinämie zu unterscheiden – dies ist der entscheidende nächste Schritt. 1
Sofortige Labordiagnostik erforderlich
Die folgenden Tests müssen durchgeführt werden, um die Ursache zu klären:
- Transferrinsättigung (TS) – dies ist der wichtigste Parameter zur Differenzierung 2, 1
- Komplettes Blutbild mit Retikulozyten – zum Ausschluss von Anämie 2
- CRP – zur Beurteilung einer entzündlichen Komponente 2
- Leberwerte (AST, ALT) – da Lebererkrankungen häufig mit Hyperferritinämie einhergehen 1, 3
Interpretation basierend auf Transferrinsättigung
Wenn TS ≥ 45%: Verdacht auf Eisenüberladung
Bei erhöhter Transferrinsättigung (≥45%) sollte sofort eine HFE-Genotypisierung durchgeführt werden, um eine hereditäre Hämochromatose auszuschließen. 2, 1 Dies ist besonders wichtig, da:
- C282Y-Homozygotie bei etwa 1 von 250 Kaukasiern vorkommt 2
- Müdigkeit das häufigste Symptom der Hämochromatose ist 2
- Bei Ferritin >1000 µg/L das Zirrhoserisiko 20-45% beträgt 1
Bei Ihrem Patienten mit Ferritin 400 µg/L ist das Risiko für fortgeschrittene Leberfibrose gering, aber eine Abklärung bleibt notwendig. 2, 1
Wenn TS < 45%: Wahrscheinlich keine Eisenüberladung
Bei normaler oder niedriger Transferrinsättigung sind folgende Ursachen wahrscheinlicher 1, 3:
- Entzündliche Erkrankungen – Ferritin als Akute-Phase-Protein 2
- Lebererkrankungen – alkoholische Hepatopathie, NAFLD, virale Hepatitis 2, 3
- Dysmetabolische Hyperferritinämie – häufig bei Männern mit erhöhtem BMI 4
- Malignome – die häufigste Ursache für stark erhöhtes Ferritin in einer großen Studie 3
Wichtige Differenzialdiagnosen ausschließen
Hämochromatose ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen
Eine Studie mit 120 Patienten mit chronischer Müdigkeit fand keine einzige hereditäre Hämochromatose, obwohl 38% ein Ferritin ≥300 µg/L hatten 4. Die Prävalenz von Hämochromatose bei CFS-Patienten liegt bei nur 2,3% 5. Dennoch muss die Diagnose aktiv ausgeschlossen werden, da die Konsequenzen einer verpassten Diagnose gravierend sind – unbehandelt führt sie zu Zirrhose, Diabetes und Herzversagen 2.
Andere häufige Ursachen bei diesem Ferritinwert
Bei Ferritin 400 µg/L ohne Anämie sollten Sie gezielt nach folgenden Zuständen suchen 3, 6:
- Metabolisches Syndrom/NAFLD – besonders bei männlichen Patienten mit erhöhtem BMI 4
- Chronischer Alkoholkonsum – Alkohol supprimiert Hepcidin und erhöht die Eisenaufnahme 2
- Chronische Entzündungen – rheumatologische Erkrankungen, chronische Infektionen 3
Spezifische Warnzeichen, die weitere Abklärung erfordern
Folgende Befunde erfordern eine intensivierte Diagnostik 2, 1:
- Erhöhte Transaminasen – Leberbiopsie erwägen bei Ferritin >1000 µg/L 1
- Gelenkschmerzen (besonders MCP II/III) – typisch für Hämochromatose 2
- Hautpigmentierung, Diabetes, Libidoverlust – klassische Trias der Hämochromatose 2
- Familienanamnese – Verwandte ersten Grades müssen gescreent werden 1
Häufige Fallstricke vermeiden
Verwechseln Sie nicht Ferritin mit Eisenstatus – Ferritin kann bei Entzündungen massiv erhöht sein, ohne dass eine Eisenüberladung vorliegt 2. Die Transferrinsättigung ist hier der entscheidende Parameter 1.
Bei Frauen im gebärfähigen Alter mit Müdigkeit und Ferritin <50 µg/L ohne Anämie kann eine Eisensubstitution die Müdigkeit verbessern 7 – dies ist jedoch bei Ihrem Patienten mit Ferritin 400 µg/L nicht relevant.
Vermeiden Sie unnötige Eisensupplemente und Vitamin C-Präparate (>500 mg/Tag) bis die Diagnose geklärt ist 2, 1.
Therapeutische Konsequenzen nach Diagnosestellung
Bei bestätigter Hämochromatose (C282Y-Homozygotie mit Eisenüberladung)
Therapeutische Phlebotomie ist die Erstlinientherapie 2, 1:
- Wöchentliche Aderlässe (500 ml) bis Ferritin 50-100 µg/L erreicht ist 2, 1
- Erhaltungstherapie mit 2-6 Aderlässen pro Jahr 2
- Zielferritin: 50-100 µg/L langfristig 2, 1
Bei anderen Ursachen
Behandeln Sie die Grunderkrankung 2:
- Lebererkrankung: Alkoholkarenz, Gewichtsreduktion bei NAFLD 2
- Entzündliche Erkrankungen: spezifische antiinflammatorische Therapie 2
- Symptomatische Müdigkeitsbehandlung: Kognitive Verhaltenstherapie und graduiertes Bewegungstraining haben die stärkste Evidenz 2
Monitoring-Strategie
Kontrollieren Sie Ferritin und Transferrinsättigung alle 6 Monate, wenn die Initialdiagnostik keine behandlungsbedürftige Eisenüberladung zeigt 2, 1. Bei bestätigter Hämochromatose ist eine lebenslange Überwachung erforderlich 2.