Menkes-Syndrom: Lernkarte
Definition und Genetik
Das Menkes-Syndrom ist eine seltene X-chromosomal-rezessive Störung des Kupferstoffwechsels, die ausschließlich bei Jungen auftritt und durch Mutationen im ATP7A-Gen verursacht wird. 1 Die Erkrankung führt zu einem schweren Kupfermangel im Gehirn und anderen Geweben, da der zelluläre Kupfertransport gestört ist. 1
Klinische Merkmale
Charakteristische Symptome
- Spärliches, krauses Haar ("kinky hair") - pathognomonisches Zeichen 1
- Gedeihstörung (failure to thrive) ab dem Alter von 6-8 Wochen 1, 2
- Schwere Entwicklungsverzögerung mit psychomotorischer Retardierung 1
- Hypotonie (verminderte Muskelspannung) 1
- Krampfanfälle 2
Skelettale Befunde
- Metaphysäre Fragmentierung und subperiostale Knochenneubildung im Röntgenbild 1
- Wormian-Knochen (zusätzliche Knochenkerne) im Schädel 1
- Anteriore Rippenaufweitung 1
- Diese Frakturen können schwer von Misshandlungsfrakturen zu unterscheiden sein 1
Vaskuläre und neurologische Komplikationen
- Gewundene zerebrale Gefäße - charakteristischer Befund 1
- Intrakranielle Blutungen können auftreten 1
- Zerebrale Atrophie und verzögerte Myelinisierung bei unbehandelten Patienten 3
Diagnostik
Biochemische Tests
- Plasma-Katecholamin-Analyse - hochspezifischer und schneller diagnostischer Test, der einen Mangel des kupferabhängigen Enzyms Dopamin-β-Monooxygenase nachweist 4, 5
- Serum-Coeruloplasmin - typischerweise erniedrigt, aber Anämie fehlt im Gegensatz zum nutritiven Kupfermangel 1
- Serum-Kupfer - erniedrigt 1
Genetische Diagnostik
- ATP7A-Gensequenzierung zur Bestätigung der Diagnose 1, 5
- Pränatale genetische Diagnostik ist bei Familien mit vorheriger Menkes-Diagnose möglich 5
- Die Analyse von Nabelschnurblut ermöglicht eine Diagnose innerhalb der ersten Lebenstage 4, 3
Therapie und Management
Kupferhistidin-Behandlung
Die subkutane Kupferhistidin-Therapie ist nur wirksam, wenn sie innerhalb der ersten 10 Lebenstage begonnen wird, bevor neurologische Symptome auftreten. 2, 4, 5
Evidenz für frühe Behandlung
- Bei 35 Patienten, die vor Symptombeginn behandelt wurden, zeigten sich hochsignifikante Verbesserungen in Grobmotorik, Feinmotorik/Adaptation, persönlich-sozialen Fähigkeiten und Sprachentwicklung 2
- Die Mortalität im Alter von 3 Jahren betrug 28,6% bei asymptomatisch behandelten Patienten versus 50% bei symptomatisch behandelten 2
- Ein Patient erreichte normales Laufen mit 14 Monaten und normale Neuroentwicklung im Alter von 3 Jahren 4
- Kopfumfangswachstum war bei früh behandelten Patienten signifikant besser 2
Limitationen der Therapie
- Die Behandlung ist nicht kurativ - trotz früher Therapie entwickeln Patienten oft schwere somatische Abnormalitäten ähnlich dem Occipital-Horn-Syndrom 6
- Komplikationen können schwere orthostatische Hypotonie und vaskuläre Anomalien umfassen 6
- Die Wirksamkeit hängt vom Genotyp ab - Patienten mit Mutationen, die etwas funktionelles Protein produzieren, sprechen besser an 2, 3
- Bei Mutationen, die ein vollständig nicht-funktionelles Protein vorhersagen, sind die Ergebnisse suboptimal 4, 6
Aktuelle Empfehlungen
Die American College of Medical Genetics and Genomics (ACMG) hat ATP7A 2023 NICHT in die Liste der sekundären Befunde aufgenommen, da unzureichende Evidenz für die Wirksamkeit der Kupferhistidin-Behandlung besteht und Bedenken hinsichtlich potenzieller Toxizität bestehen. 1
Supportive Maßnahmen
- Multidisziplinäre Betreuung erforderlich 1
- Antikonvulsive Therapie bei Krampfanfällen 2
- Physiotherapie und Entwicklungsförderung 2
- Ernährungsunterstützung bei Gedeihstörung 2
Prognose
Unbehandelte Patienten
- Tod typischerweise vor dem 3. Lebensjahr 2, 4
- Schwere neurologische Degeneration mit Entwicklungsstillstand ab 6-8 Wochen 2, 4
Behandelte Patienten
- Langzeitüberleben möglich bei sehr früher Behandlung (innerhalb von 10 Tagen) 2, 4, 6
- Neurologische Entwicklung kann normal oder nahezu normal sein bei optimalen Bedingungen (frühe Behandlung + günstiger Genotyp) 4, 6, 3
- Viele entwickeln dennoch chronische Komplikationen wie orthostatische Hypotonie und vaskuläre Probleme 6
Wichtige Fallstricke
Diagnostische Herausforderungen
- Verwechslung mit Kindesmisshandlung aufgrund der Frakturen - andere Menkes-Zeichen (krauses Haar, Wormian-Knochen, gewundene Gefäße) helfen bei der Differenzierung 1
- Normales Coeruloplasmin schließt die Diagnose nicht aus - Plasma-Katecholamine sind zuverlässiger 4
Therapeutische Überlegungen
- Behandlungsbeginn nach Symptombeginn ist weitgehend ineffektiv - Zeitfenster ist extrem eng 2, 4, 5
- Genotyp-Phänotyp-Korrelation ist wichtig - vollständiger Funktionsverlust des ATP7A-Proteins führt zu schlechteren Ergebnissen trotz Behandlung 2, 6, 3
- Die Therapie bleibt experimentell und sollte nicht als etablierte Standardbehandlung betrachtet werden 6, 5