Standard-Anästhesieeinstellungen für erwachsene Patienten
Für einen typischen erwachsenen Patienten bei nicht-notfallmäßiger Operation sollte eine Allgemeinanästhesie mit kontinuierlichem Monitoring von EKG, SpO2, nicht-invasivem Blutdruck und Kapnographie durchgeführt werden, wobei die Wahl zwischen volatilen Anästhetika und totaler intravenöser Anästhesie (TIVA) gleichwertig ist. 1
Präoperative Vorbereitung
- Nüchternheit: Klare Flüssigkeiten bis 2 Stunden und leichte Mahlzeiten bis 6 Stunden vor Narkoseeinleitung erlaubt 2
- Prämedikation: Routinemäßige Prämedikation, insbesondere langwirksame Benzodiazepine, sollten vermieden werden, da sie die postoperative Mobilisation und neurologische Beurteilung beeinträchtigen können 2
- Bei älteren Patienten (>75 Jahre) ist besondere Vorsicht geboten, da altersbedingte pharmakokinetische und pharmakodynamische Veränderungen zu relativer Überdosierung führen können 1
Monitoring-Standards (Mindestanforderungen)
Obligatorisches Monitoring während Allgemeinanästhesie
- EKG, SpO2, nicht-invasiver Blutdruck (NIBP) und Kapnographie müssen vor Narkoseeinleitung überprüft und während der gesamten Anästhesie, des Transports und der Aufwachphase kontinuierlich eingesetzt werden 1
- Kapnographie muss fortgesetzt werden, bis jeder künstliche Atemweg entfernt ist und eine Reaktion auf verbalen Kontakt wiederhergestellt ist 1
- Altersangepasste minimale alveoläre Konzentration (MAC) sollte bei Verwendung von Inhalationsanästhetika überwacht werden 1
- Alarmgrenzen für alle Geräte müssen vor Gebrauch auf patientenspezifische Werte eingestellt werden, und akustische Alarme müssen während der Anästhesie aktiviert sein 1
Erweitertes Monitoring bei spezifischen Indikationen
- Quantitatives neuromuskuläres Monitoring sollte immer verwendet werden, wenn Muskelrelaxanzien verabreicht werden, bis die Erholung des Train-of-Four-Verhältnisses auf >0,9 bestätigt ist 1
- Prozessiertes EEG (pEEG) sollte verwendet werden, wenn TIVA zusammen mit Muskelrelaxanzien verabreicht wird, und sollte bei anderen Anästhesietechniken und Hochrisikopatienten in Betracht gezogen werden 1
- Blutzucker-Monitoring sollte bei Patienten mit behandeltem Diabetes mindestens stündlich durchgeführt werden 1
Anästhesietechnik
Wahl der Anästhesiemethode
- Volatile Anästhetika versus TIVA: Beide Methoden sind gleichwertig hinsichtlich der Vermeidung von Myokardischämie und Myokardinfarkt bei nicht-kardiochirurgischen Eingriffen 1
- Die Wahl sollte auf anderen Faktoren als der Prävention von Myokardischämie basieren 1
- Regionalanästhesie versus Allgemeinanästhesie: Die Wahl ist weniger wichtig als die sympathische Durchführung der Technik; Beobachtungsstudien zeigen keine signifikanten Unterschiede im Outcome 1
Einleitung der Allgemeinanästhesie
- Kurzwirksame Substanzen mit schnellem Onset und Offset sind die Mittel der Wahl für adipöse und ältere Patienten 1
- Propofol zur Einleitung, mit reduzierten Dosen bei älteren Patienten 1, 2
- Rapid Sequence Induction (RSI) sollte bei Patienten mit erhöhtem Aspirationsrisiko (z.B. Notfall-Laparotomie, Darmobstruktion) durchgeführt werden 1
- Bei RSI sollte Krikoiddruck gemäß den nationalen Standards angewendet werden, aber bei schwieriger Laryngoskopie gelockert werden 1
Aufrechterhaltung der Anästhesie
Für balancierte Anästhesie mit Opioiden (Standard-Ansatz):
- Remifentanil als kontinuierliche Infusion: 0,05-2 mcg/kg/min je nach verwendetem Hypnotikum 3
- Supplementäre Bolusdosen von 1 mcg/kg alle 2-5 Minuten bei Bedarf 3
- Die Infusionsrate kann in 25-100% Schritten alle 2-5 Minuten angepasst werden 3
Für multimodale Anästhesie (moderner Ansatz zur Opioid-Reduktion):
- Kombination mehrerer Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen im nozizeptiven System 4
- Zusätzliche Substanzen können Dexmedetomidin, Magnesium oder andere Adjuvanzien umfassen 4
- Dieser Ansatz maximiert gewünschte Effekte bei Minimierung von Nebenwirkungen durch niedrigere Einzeldosen 4
Beatmungseinstellungen
- Lungenprotektive Beatmung mit niedrigen Tidalvolumina zur Begrenzung des Spitzenatemwegsdrucks 2
- Normokapnie sollte aufrechterhalten werden, um zerebrale Vasodilatation oder Vasokonstriktion zu vermeiden 2
- Bei adipösen Patienten: Ramped-Position mit Tragus des Ohrs auf Höhe des Sternums zur Verbesserung der Lungenmechanik 1
- PEEP kann die Präoxygenierung zusätzlich erleichtern 1
Intraoperatives Management
Temperaturmanagement
- Normothermie (≥36°C) sollte mit aktiven Wärmegeräten aufrechterhalten werden 1, 2
- Dies kann vernünftigerweise zur Reduktion perioperativer kardialer Ereignisse beitragen 1
Flüssigkeitsmanagement
- Flüssigkeitsüberladung vermeiden, da sie zu zerebralem Ödem beitragen kann 2
- Ein postoperativer Flüssigkeitsplan sollte verschrieben werden 1
Prophylaktische Maßnahmen
- Perioperative Breitspektrum-Antibiotika sollten innerhalb von 60 Minuten vor Hautschnitt verabreicht werden (120 Minuten für Fluorochinolone und Vancomycin) 1
- Hautantisepsis mit alkoholbasierten Lösungen oder Chlorhexidin mit Alkohol (optimal) 1
- Prophylaktisches intraoperatives Nitroglyzerin ist nicht wirksam zur Reduktion von Myokardischämie und wird nicht empfohlen 1
Schmerzmanagement
Intraoperativ und postoperativ
- Multimodale opioid-sparende Analgesie wird empfohlen 2
- Thorakale Epiduralanalgesie mit Lokalanästhetika und niedrig dosierten Opioiden kann bei offenen Eingriffen in Betracht gezogen werden und ist bei abdominaler Aortenchirurgie wirksam zur Reduktion von Myokardinfarkten 1, 2
- Intravenöses Lidocain kann verabreicht werden, wenn Epidural kontraindiziert ist 2
- Periphere Nervenblockaden sollten als Adjuvanzien zur Verlängerung der postoperativen nicht-opioid Analgesie in Betracht gezogen werden 2
- Postoperativ: Kombination von Paracetamol und NSAIDs oral mit Opioiden als Rescue-Medikation 2
NSAIDs als Alternative
- NSAIDs (IV, oral oder rektal) können als Alternative zu Opioiden für diskrete und seltene Eingriffe verwendet werden 1
- Die Dosierung sollte auf das Lean Body Weight basieren 1
Narkoseausleitung und Übergabe
- Vollständige Antagonisierung der neuromuskulären Blockade am Ende der Operation ist essentiell 2
- BIS-Monitoring sollte verwendet werden, um tiefe Anästhesieebenen (BIS <30) zu vermeiden, insbesondere bei älteren Patienten 2
- Checkliste vor Verlassen des OP für Patienten >75 Jahre: Kerntemperatur, Hämoglobinkonzentration, alters- und nierenfunktionsangepasste postoperative Analgesie, postoperativer Flüssigkeitsplan 1
- Monitoring während Transfer: EKG, SpO2, NIBP; Kapnographie wenn Atemwegshilfe in situ 1
Postoperative Versorgung
- Frühmobilisation (innerhalb von 24 Stunden) wird zur Reduktion von Komplikationen empfohlen 2
- Frühe Entfernung des Harnkatheters (innerhalb von 24 Stunden) sollte erwogen werden, außer bei hohem Retentionsrisiko 2
- Patienten mit vorhergesagter perioperativer Mortalität >10% sollten auf eine Level 2 oder 3 Intensivstation aufgenommen werden 1
Besondere Überlegungen
Bei adipösen Patienten
- Patienten mit OS-MRS Score >3 sollten mit einem Konsiliararzt besprochen werden; Score 4-5 sollten von erfahrenen Anästhesisten betreut werden 1
- Zusätzliche Zeit für Positionierung und Anästhesiedurchführung einplanen 1
- Regionalanästhesie wird bevorzugt, wenn möglich, obwohl höhere Versagensraten bestehen 1
Bei älteren Patienten
- Tiefenmonitoring der Anästhesie wird empfohlen 1
- Besondere Vorsicht bei Hypnotika: niedrigere Dosis erforderlich, längere Onset-Zeit 1
- Positionierung zur Vermeidung von Drucknekrosen über Knochenvorsprüngen 1