Pleiotrope Effekte durch Acetylsalicylsäure
Acetylsalicylsäure (ASS) sollte bei Erwachsenen mit etablierter atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung (ASCVD) in einer Dosis von 75-162 mg täglich zur Sekundärprävention eingesetzt werden, während die Primärprävention nur bei sorgfältig ausgewählten Patienten im Alter von 50-70 Jahren mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko und niedrigem Blutungsrisiko nach ausführlicher gemeinsamer Entscheidungsfindung erwogen werden sollte. 1, 2
Sekundärprävention (Etablierte ASCVD)
Die Evidenz für ASS in der Sekundärprävention ist eindeutig und stark:
- Bei Patienten mit vorherigem Myokardinfarkt, Schlaganfall, TIA oder dokumentierter ASCVD wird ASS 75-162 mg täglich unbefristet empfohlen. 2
- Die kardiovaskuläre Mortalitäts- und Morbiditätsreduktion überwiegt das Blutungsrisiko bei weitem in der Sekundärprävention. 2
- Nach akutem Koronarsyndrom sollte eine duale Thrombozytenaggregationshemmung (ASS plus P2Y12-Inhibitor wie Ticagrelor oder Clopidogrel) für mindestens 1 Jahr fortgesetzt werden. 2
- Bei dokumentierter ASS-Allergie wird Clopidogrel 75 mg täglich als Ersatz empfohlen. 2, 3
Primärprävention (Keine vorherige ASCVD)
Die Primärprävention erfordert eine differenzierte Risiko-Nutzen-Abwägung:
Geeignete Kandidaten für Primärprävention:
- Erwachsene im Alter von 50-70 Jahren mit Diabetes und mindestens einem zusätzlichen kardiovaskulären Hauptrisikofaktor: familiäre Vorgeschichte von vorzeitiger ASCVD, Hypertonie, Dyslipidämie, Rauchen oder chronische Nierenerkrankung/Albuminurie. 1, 2
- Die ASCEND-Studie zeigte über 7,4 Jahre eine 12%ige Reduktion schwerer vaskulärer Ereignisse (8,5% vs. 9,6%), aber auch einen Anstieg schwerer Blutungen von 3,2% auf 4,1%. 1, 2
- Kritisch: Die Anzahl der verhinderten ASCVD-Ereignisse entspricht ungefähr der Anzahl der induzierten Blutungsepisoden. 1, 2
Patienten, bei denen ASS vermieden werden sollte:
- Alter >70 Jahre: Das Risiko überwiegt den Nutzen generell, unabhängig vom Diabetesstatus. 1, 3
- Alter <50 Jahre mit niedrigem ASCVD-Risiko: Der geringe Nutzen wird wahrscheinlich durch das Blutungsrisiko aufgewogen. 1
- Alter <21 Jahre: Kontraindiziert aufgrund des Reye-Syndrom-Risikos. 1
Dosierungsempfehlungen
Die optimale Dosierung basiert auf dem Gleichgewicht zwischen Wirksamkeit und Sicherheit:
- Die empfohlene Tagesdosis beträgt 75-162 mg, wobei 75-100 mg optimal sind. 2, 3
- Die ADAPTABLE-Studie zeigte keine signifikanten Unterschiede bei kardiovaskulären Ereignissen oder schweren Blutungen zwischen 81 mg und 325 mg täglich bei Patienten mit etablierter kardiovaskulärer Erkrankung. 2, 3
- Höhere Dosen (>100 mg) erhöhen das gastrointestinale Blutungsrisiko ohne proportionalen kardiovaskulären Nutzen. 3
- Bei akutem Koronarsyndrom: Initialdosis 162-325 mg, gefolgt von 75-100 mg täglich zur Erhaltung. 3
Kritische Bewertung des Blutungsrisikos
Vor Beginn einer ASS-Therapie müssen folgende Hochrisikofaktoren für Blutungen aktiv ausgeschlossen werden:
- Alter >70 Jahre 1, 3
- Anamnese gastrointestinaler Ulzera oder Blutungen 3
- Anämie oder Blutungsstörungen 3
- Chronische Nierenerkrankung 3
- Gleichzeitige Anwendung von NSAR, Antikoagulanzien oder Kortikosteroiden 3
- Unkontrollierte Hypertonie 3
Die Blutungsrate beträgt etwa 5 pro 1.000 Patienten pro Jahr unter ASS-Therapie, wobei das Risiko mit Dosen >100 mg täglich zunimmt. 3
Gastroprotektion
Bei Patienten mit erhöhtem gastrointestinalem Risiko, die ASS benötigen:
- Ko-Therapie mit einem Protonenpumpeninhibitor (PPI) oder Misoprostol verringert das Risiko für gastrointestinale Verletzungen und Komplikationen. 4
- PPI-Therapie wird besser vertragen als Misoprostol, mit weniger Therapieabbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen wie Durchfall. 4
- Dies gilt auch für niedrige Dosen von 81 mg täglich zur Kardioprotektion. 4
Kombinationstherapie bei stabiler Gefäßerkrankung
Für spezifische Hochrisikopatienten:
- ASS plus niedrig dosiertes Rivaroxaban sollte bei Patienten mit stabiler koronarer und/oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) und niedrigem Blutungsrisiko erwogen werden, um schwere kardiovaskuläre und Extremitätenereignisse zu verhindern. 1, 2
Gemeinsame Entscheidungsfindung
Die Entscheidung für oder gegen ASS in der Primärprävention erfordert:
- Eine umfassende Diskussion über den Nutzen versus das vergleichbare erhöhte Blutungsrisiko. 1
- Berücksichtigung der Bereitschaft des Patienten zur langfristigen ASS-Therapie. 1
- Nicht-invasive Bildgebungstechniken wie Koronarkalk-Scoring können helfen, die ASS-Therapie weiter zu individualisieren, insbesondere bei Patienten mit niedrigem Risiko. 1, 2
Häufige Fallstricke
- Vermeiden Sie ASS bei Patienten >70 Jahren zur Primärprävention, auch bei hohem kardiovaskulärem Risiko – das Blutungsrisiko dominiert. 1, 5, 6
- Unterschätzen Sie nicht das Blutungsrisiko bei gleichzeitiger NSAR-Anwendung – das Risiko ist mindestens additiv. 4
- Verwenden Sie nicht routinemäßig höhere Dosen – 75-100 mg sind ebenso wirksam wie höhere Dosen mit geringerem Blutungsrisiko. 3
- Vergessen Sie nicht die Risikofaktormodifikation – diese sollte bei allen Patienten Vorrang haben, insbesondere bei denen, bei denen ASS nicht empfohlen wird. 5