Management von Hypokaliämie
Bei Hypokaliämie sollte zunächst der Schweregrad bestimmt und gleichzeitig Magnesium kontrolliert werden, da Hypomagnesiämie die häufigste Ursache für therapierefraktäre Hypokaliämie ist und zuerst korrigiert werden muss. 1
Schweregrad-Klassifikation und Risikobewertung
Die Einteilung der Hypokaliämie erfolgt nach Serumkalium-Konzentration:
- Leichte Hypokaliämie (3,0-3,5 mEq/L): Patienten sind oft asymptomatisch, aber eine Korrektur wird empfohlen, um kardiale Komplikationen zu verhindern 1
- Moderate Hypokaliämie (2,5-2,9 mEq/L): Erfordert prompte Korrektur aufgrund erhöhten Risikos für kardiale Arrhythmien, besonders bei Herzerkrankungen oder Digitalis-Therapie 1
- Schwere Hypokaliämie (≤2,5 mEq/L): Erfordert sofortige aggressive Behandlung mit intravenöser Kaliumsubstitution unter Monitoring aufgrund hohen Risikos für lebensbedrohliche kardiale Arrhythmien 1, 2
EKG-Veränderungen bei Hypokaliämie umfassen ST-Senkungen, T-Wellen-Abflachung und prominente U-Wellen, die auf dringenden Behandlungsbedarf hinweisen. 1
Initiale Diagnostik
Obligatorische Laboruntersuchungen
- Magnesium-Spiegel sofort kontrollieren (Zielwert >0,6 mmol/L), da ca. 40% der hypokaliämischen Patienten gleichzeitig Hypomagnesiämie haben 1
- Serumelektrolyte (Natrium, Calcium) 1
- Nierenfunktion (Kreatinin, eGFR) und Glukose 1
- Säure-Basen-Status mittels venöser Blutgasanalyse 1
Ätiologie bestimmen
- Urin-Kalium-Ausscheidung: ≥20 mEq/Tag bei niedrigem Serumkalium (<3,5 mEq/L) deutet auf renalen Kaliumverlust hin 3
- Häufigste Ursachen: Diuretika-Therapie (Schleifendiuretika, Thiazide), gastrointestinale Verluste, inadäquate Zufuhr, transzelluläre Verschiebungen 1, 4, 3
- Medikamente prüfen: Diuretika, Kortikosteroide, Beta-Agonisten, Insulin 1
Behandlungsalgorithmus
Schritt 1: Magnesium korrigieren (IMMER ZUERST)
Die Korrektur von Hypomagnesiämie ist die wichtigste Maßnahme vor Kaliumsubstitution, da Magnesiummangel die Kaliumtransportsysteme stört und renale Kaliumverluste erhöht. 1
- Organische Magnesiumsalze bevorzugen (Aspartat, Citrat, Laktat) statt Oxid oder Hydroxid wegen besserer Bioverfügbarkeit 1
- Orale Magnesiumsubstitution: 200-400 mg elementares Magnesium täglich, aufgeteilt in 2-3 Dosen 1
- Zielwert: >0,6 mmol/L (>1,5 mg/dL) 1
Schritt 2: Kaliumsubstitution nach Schweregrad
Schwere Hypokaliämie (K+ ≤2,5 mEq/L) oder mit EKG-Veränderungen
Intravenöse Kaliumsubstitution ist indiziert bei: 1, 2
- Serumkalium ≤2,5 mEq/L
- EKG-Abnormalitäten
- Aktiven kardialen Arrhythmien
- Schweren neuromuskulären Symptomen
- Nicht-funktionierendem Gastrointestinaltrakt
Dosierung und Verabreichung: 1, 5
- Standardkonzentration: ≤40 mEq/L über periphere Vene
- Maximale Infusionsrate: 10 mEq/Stunde über periphere Vene
- Höhere Konzentrationen erfordern zentralen Venenzugang
- Kontinuierliches kardiales Monitoring erforderlich 1
Kontrolle: Serumkalium nach 1-2 Stunden erneut kontrollieren 1
Moderate Hypokaliämie (2,5-2,9 mEq/L)
- Orale Kaliumchlorid-Substitution: 20-60 mEq/Tag 1, 5
- Dosis aufteilen, sodass nicht mehr als 20 mEq als Einzeldosis gegeben werden 5
- Mit Mahlzeiten und einem Glas Wasser einnehmen 5
Leichte Hypokaliämie (3,0-3,5 mEq/L)
- Orale Kaliumchlorid-Substitution: 20-40 mEq/Tag, aufgeteilt in 2-3 Dosen 1, 5
- Alternativ: Ernährungsumstellung mit kaliumreichen Lebensmitteln (4-5 Portionen Obst/Gemüse täglich liefern 1.500-3.000 mg Kalium) 1
Schritt 3: Ursache behandeln
Diuretika-induzierte Hypokaliämie
Kaliumsparende Diuretika sind effektiver als chronische orale Kaliumsupplemente bei persistierender diuretika-induzierter Hypokaliämie. 1
- Spironolacton: 25-100 mg täglich (Erstlinientherapie) 1
- Amilorid: 5-10 mg täglich in 1-2 Dosen 1
- Triamteren: 50-100 mg täglich in 1-2 Dosen 1
Kontraindikationen für kaliumsparende Diuretika: 1
- eGFR <45 mL/min
- Baseline-Kalium >5,0 mEq/L
- Gleichzeitige Anwendung mit ACE-Hemmern/ARBs ohne engmaschiges Monitoring
Medikamentenanpassungen
- Kaliumverlierende Diuretika stoppen oder reduzieren, wenn K+ <3,0 mEq/L 1
- Bei Patienten mit ACE-Hemmern oder ARBs allein oder in Kombination mit Aldosteron-Antagonisten kann routinemäßige Kaliumsubstitution unnötig und potenziell schädlich sein 1
Monitoring-Protokoll
Initiales Monitoring
- Nach Beginn der Substitution: Kalium und Nierenfunktion nach 3-7 Tagen kontrollieren 1
- Während Dosistitration: Alle 1-2 Wochen bis Werte stabil sind 1
- Langzeitmonitoring: Nach 3 Monaten, dann alle 6 Monate 1
Häufigeres Monitoring erforderlich bei:
- Niereninsuffizienz (Kreatinin >1,6 mg/dL oder eGFR <45 mL/min) 1
- Herzinsuffizienz 1
- Diabetes 1
- Medikamenten, die Kaliumhomöostase beeinflussen (RAAS-Inhibitoren, Aldosteron-Antagonisten) 1
Bei kaliumsparenden Diuretika
- Kalium und Kreatinin nach 5-7 Tagen kontrollieren 1
- Weiter alle 5-7 Tage bis Kaliumwerte stabil sind 1
Zielwerte
Serumkalium sollte zwischen 4,0-5,0 mEq/L gehalten werden, da sowohl Hypokaliämie als auch Hyperkaliämie die Mortalität erhöhen, besonders bei Herzerkrankungen. 1
Kritische Warnhinweise und häufige Fehler
Absolute Kontraindikationen
- Digoxin niemals bei schwerer Hypokaliämie verabreichen, da dies lebensbedrohliche Arrhythmien verursachen kann 1
- Keine Kalium-Bolus-Gabe bei Herzstillstand - unbekannter Nutzen und potenziell schädlich 1
Häufigste Fehler vermeiden
- Kaliumsubstitution ohne vorherige Magnesiumkontrolle ist der häufigste Grund für Therapieversagen 1
- Zu schnelle IV-Kaliumgabe (>20 mEq/Stunde) kann Arrhythmien und Herzstillstand verursachen 1
- Kaliumsupplemente nicht absetzen beim Start von Aldosteron-Rezeptor-Antagonisten führt zu Hyperkaliämie 1
- NSAIDs vermeiden - verursachen Natriumretention, verschlechtern Nierenfunktion und erhöhen Hyperkaliämie-Risiko dramatisch 1
Medikamenteninteraktionen beachten
- ACE-Hemmer/ARBs + Kaliumsupplemente: Erhöhtes Hyperkaliämie-Risiko, engmaschiges Monitoring erforderlich 1
- Kaliumsparende Diuretika + Kaliumsupplemente: Niemals kombinieren wegen schwerer Hyperkaliämie 1
- Kaliumhaltige Salzersatzstoffe während aktiver Substitution vermeiden 1
Spezielle Populationen
Herzinsuffizienz-Patienten
- Kalium strikt zwischen 4,0-5,0 mEq/L halten 1
- Aldosteron-Antagonisten erwägen für Mortalitätsvorteil bei gleichzeitiger Hypokaliämie-Prävention 1
- Sowohl Hypokaliämie als auch Hyperkaliämie erhöhen Mortalitätsrisiko 1
Diabetische Ketoazidose
- Kalium zu IV-Flüssigkeiten hinzufügen, sobald K+ <5 mEq/L und adäquate Urinausscheidung gesichert ist 1
- 20-30 mEq/L Kalium (2/3 KCl und 1/3 KPO4) pro Liter IV-Flüssigkeit 1
- Insulintherapie verzögern, wenn K+ <3 mEq/L, um lebensbedrohliche Arrhythmien zu verhindern 1