Remifentanil Lernkarte
Pharmakologie und Metabolismus
Remifentanil ist ein ultrakurz wirksames Opioid mit einzigartiger Esterase-vermittelter Metabolisierung, das unabhängig von Nieren- oder Leberfunktion verstoffwechselt wird. 1
- Metabolismus: Hydrolysierung durch unspezifische Esterasen in Blut und Gewebe (>95%), nicht durch Pseudocholinesterase 1
- Eliminationshalbwertszeit: 3-10 Minuten, unabhängig von der Infusionsdauer 1, 2
- Context-sensitive Halbwertszeit: Konstant 3-6 Minuten, keine Akkumulation bei prolongierter Gabe 1, 2
- Hauptmetabolit: Carbonsäure-Metabolit mit 1/4600 der Potenz von Remifentanil, renal eliminiert mit HWZ von 90 Minuten 1
Dosierung und Verabreichung
Intubation ohne Muskelrelaxation
- Niedrig-Dosis: 1-1,5 mcg/kg mit Propofol 2 mg/kg - akzeptable Intubationsbedingungen, aber 10% Inzidenz respiratorischer Depression 3
- Hoch-Dosis: 2 mcg/kg mit Propofol - verlängerte Apnoezeit, 10% unakzeptable Intubationsbedingungen 3
- Ultra-Hoch-Dosis: 4 mcg/kg - Intubationsbedingungen vergleichbar mit Succinylcholin, aber signifikante Hypotension und prolongierte Apnoe 3
- Verabreichung: Über 30-60 Sekunden applizieren (nicht als Bolus) zur Vermeidung von Muskelrigidität 4
Target-Controlled Infusion (TCI)
- Wache Intubation: 1-3 ng/mL Effekt-Kompartiment-Konzentration 4
- Intraoperativ (Kinder): 0,05-0,3 mcg/kg/min 3
Titration
- Jede Änderung um 0,1 mcg/kg/min führt innerhalb von 5-10 Minuten zu einer Änderung der Blutkonzentration um 2,5 ng/mL 1
- Bei intubierten Patienten: 1,0 mcg/kg Bolus mit Infusionsratenerhöhung für schnelleren Anstieg (3-5 Minuten) 1
Prozedurale Schmerztherapie auf Intensivstation
- Niedrigste effektive Dosis verwenden zur Vermeidung dosisabhängiger Nebenwirkungen 5
- Hochdosis-Remifentanil bei kardiochirurgischen Patienten reduziert Schmerzen bei Thoraxdrainage signifikant, aber 2 von 20 Patienten entwickelten 1-3 Minuten Apnoe 5
- Timing der Opioidgabe so planen, dass Spitzenwirkung mit Prozedur zusammenfällt 5
Spezielle Populationen
Niereninsuffizienz
Die Pharmakokinetik von Remifentanil ist bei terminaler Niereninsuffizienz unverändert 1, 6
- Clearance und Verteilungsvolumen bei Nierenversagen identisch mit gesunden Kontrollen 6
- Carbonsäure-Metabolit akkumuliert: HWZ steigt von 90 Minuten auf 30 Stunden bei anephrischen Patienten 1
- Metabolit wird durch Hämodialyse mit Extraktionsrate von 30% entfernt 1
- Simulationen zeigen, dass nach 12-stündiger Infusion (2 mcg/kg/min) keine signifikanten Opioideffekte durch Metabolit zu erwarten sind 6
Leberinsuffizienz
- Pharmakokinetik von Remifentanil bei schwerer Leberinsuffizienz unverändert 1
- Keine Dosisanpassung erforderlich 7
Geriatrische Patienten
- Clearance um ca. 25% reduziert bei >65-Jährigen 1
- Blutkonzentrationen fallen dennoch genauso schnell wie bei jungen Erwachsenen 1
Pädiatrische Patienten
- Neugeborene (<2 Monate): Clearance 90,5 ± 36,8 mL/min/kg, Verteilungsvolumen 452 ± 144 mL/kg 1
- Adoleszenten (13-16 Jahre): Clearance 57,2 ± 21,1 mL/min/kg, Verteilungsvolumen 223 ± 30,6 mL/kg 1
- Clearance bei Kindern 5 Tage bis 17 Jahre auf oder über Erwachsenenwerten 1
Adipositas
- Keine Unterschiede in der Pharmakokinetik bei Normalisierung auf ideales Körpergewicht (IBW) 1
- Dosierung nach IBW berechnen 1
Kardiopulmonaler Bypass (CPB)
- Clearance um ca. 20% während hypothermem CPB reduziert 1
- Mindestens die Prä-CPB-Dosis während CPB beibehalten 3
- Hypothermie-Anpassungen: 3
- 30% Dosisreduktion nach 20-30 Minuten bei 32°C
- 60% Dosisreduktion sofort bei moderater bis tiefer Hypothermie <28°C
Kritische Sicherheitsaspekte
Monitoring
- Kontinuierliche Pulsoxymetrie und Kapnographie obligatorisch 5
- Engmaschige Überwachung nach Extubation wegen Risiko respiratorischer Depression 3
Postoperative Analgesie
Remifentanil bietet KEINE postoperative Analgesie - alternative Analgetika müssen vor Beendigung verabreicht werden 3
- Langwirksames Opioid (Morphin, Hydromorphon, Fentanyl) vor Operationsende geben 3
- Bei Skoliose-Chirurgie: Übergangsstrategie essentiell zur Vermeidung analgetischer Lücke 3
- Remifentanil-induzierte Hyperalgesie ist mild und klinisch nicht relevant 3
Arzneimittelinteraktionen
- Kombination mit serotonergen Substanzen (z.B. Rasagilin): Niedrigste effektive Dosis für kürzeste Dauer mit engmaschigem Monitoring 24-48 Stunden 3
- Keine Inhibition durch Atracurium, Mivacurium, Esmolol, Neostigmin, Physostigmin, Midazolam 1
- Clearance unverändert bei Kombination mit Thiopental, Isofluran, Propofol, Temazepam 1
Antagonisierung
- Naloxon kann Remifentanil antagonisieren 3
- Naloxon-Verschreibung erwägen bei ≥50 Morphin-Milligramm-Äquivalenten 5
Spezielle klinische Szenarien
Hochrisiko-Extubation
16-Schritte-Algorithmus: 3
- IV Morphin für postoperative Analgesie vor Prozedurende geben
- Remifentanil-Infusion auf gewünschte Rate vor Prozedurende einstellen
- Anästhetikum beenden, Ventilation fortsetzen
Kardiovaskuläre Stabilität
- Bei Patienten mit neurochirurgischen, kardialen oder zerebrovaskulären Erkrankungen bevorzugt wegen überlegener Hustensuppression und Dämpfung kardiovaskulärer Reaktionen im Vergleich zu Fentanyl 4
Opioid-induzierte Harnretention
- Rotation zu synthetischen Opioiden wie Fentanyl erwägen - niedrigere Raten von Harnretention 5, 8
- Methylnaltrexon oder niedrig dosiertes Naloxon (0,25 mg/kg/h) als Behandlungsoptionen 5
Klinische Vorteile
- Schnelle postoperative Erholung und frühe Extubation in kardiochirurgischen Studien 7
- Ideal für minimal-invasive kardiologische Techniken (TAVI, Radiofrequenzablation) 7
- Effektive und sichere Analgesie bei kurzen schmerzhaften Prozeduren (z.B. Thoraxdrainageentfernung) 7
- Reduzierte Zeit bis zur Extubation auf Intensivstation nach Beendigung der Infusion 7