Proteinzufuhr zum Muskelschutz bei Kalorienrestriktion
Klare Empfehlung
Bei Kalorienrestriktion sollte die Proteinzufuhr mindestens 1,8-2,7 g/kg Körpergewicht pro Tag betragen, um Muskelmasse zu schützen, wobei höhere Werte (bis 3,1 g/kg fettfreie Masse) bei stärkerer Kalorienrestriktion und niedrigerem Körperfettanteil erforderlich sind. 1, 2
Grundprinzip: Protein nicht reduzieren
Die ESPEN-Leitlinie stellt eindeutig fest: Bei kalorienreduzierten Diäten darf der Proteingehalt nicht reduziert werden und muss mindestens 1 g/kg tatsächliches Körpergewicht pro Tag betragen (bei BMI <30) bzw. 1 g/kg adjustiertes Körpergewicht pro Tag (bei BMI ≥30). 3
Diese Mindestempfehlung gilt für hospitalisierte Patienten und stellt die absolute Untergrenze dar – für aktive Personen mit Muskelschutz als Ziel sind deutlich höhere Werte erforderlich. 3
Evidenzbasierte Proteinempfehlungen nach Situation
Für Sportler und trainierte Personen bei Kalorienrestriktion
Die stärkste Evidenz zeigt: 2,3-3,1 g/kg fettfreie Masse sind optimal, wobei die Menge mit der Schwere der Kalorienrestriktion und dem Grad der Schlankheit nach oben skaliert werden sollte. 1
Eine systematische Übersichtsarbeit bei kalorienrestringierten, krafttrainierten, schlanken Athleten dokumentiert, dass von 13 Studiengruppen 9 Gruppen fettfreie Masse verloren (0,3-2,7 kg), während 6 Gruppen diese behielten oder gewannen – die erfolgreichste Gruppe mit substantieller Kalorienrestriktion konsumierte 2,5-2,6 g/kg Protein. 1
Praktische Empfehlung: 1,8-2,7 g/kg Körpergewicht pro Tag in Kombination mit moderatem Energiedefizit (~500 kcal) und Krafttraining. 2
Für ältere Erwachsene (≥50 Jahre) bei Gewichtsreduktion
Die American Geriatrics Society empfiehlt mindestens 1 g/kg Körpergewicht pro Tag während der Gewichtsreduktion, wobei höhere Proteinzufuhr (1,2-1,5 g/kg/Tag) die Muskelmasse besser erhält. 4, 5
Eine randomisierte kontrollierte Studie bei älteren Erwachsenen mit Adipositas zeigte, dass eine 6-monatige höhere Proteinzufuhr (1,2-1,5 g/kg/Tag) zu signifikantem Gewichtsverlust führte (-8,17 kg), wobei 87% als Fettmasse verloren gingen und die Muskelmasse weitgehend erhalten blieb. 5
Kritischer Punkt: Männer in ihren 50ern stehen an der Schwelle zu geriatrischen Überlegungen, wo Muskelerhalt zunehmend kritisch wird – Proteinzufuhr muss mit Krafttraining kombiniert werden. 4
Für Personen mit Zirrhose
Bei kompensierter Zirrhose mit Adipositas: 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag, um Sarkopenie zu verhindern oder umzukehren, auch während moderater Kalorienrestriktion. 3
Die EASL-Leitlinie betont, dass Proteinzufuhr bei Zirrhose-Patienten niemals eingeschränkt werden sollte, da dies den Proteinkatabolismus erhöht. 3
Mechanismen und Begründung
Warum höhere Proteinzufuhr bei Kaloriendefizit?
Kaloriendefizit führt zu herunterregulierter Muskelproteinsynthese mit gleichzeitiger Zunahme der Ubiquitin-Proteasom-vermittelten Muskelproteolyse und Stickstoffausscheidung. 6
Hohe Proteinzufuhr (1,6-2,4 g/kg/Tag) oder hochwertige proteinbasierte Mahlzeiten (15-30 g Molkenprotein) während Energiedefizit dämpfen die intrazelluläre Proteolyse, stellen die Muskelproteinsynthese wieder her und mildern den Skelettmuskelverlust. 6
Adipöse Patienten haben erhöhte Muskelproteolyse während akuter oder chronischer Erkrankung – daher ist das Erreichen des Proteinziels besonders wichtig. 3
Praktische Umsetzung
Verteilung und Timing
Proteinzufuhr sollte als 3-4 isostickstoffhaltige Mahlzeiten über den Tag verteilt konsumiert werden, um die Muskelproteinsynthese zu maximieren. 7
Post-Training: 0,25-0,3 g Protein pro Mahlzeit aus Proteinquellen mit hohem Leucingehalt und schneller Verdauungskinetik (z.B. Molkenprotein) zur Optimierung der trainingsinduzierten Muskelproteinsynthese. 2
Bei gemischten Makronährstoffmahlzeiten und/oder vor dem Schlafengehen können etwas höhere Proteindosen optimal sein. 2
Qualität der Proteinquellen
Fokus auf hochwertige Proteinquellen mit hohem Gehalt an essentiellen Aminosäuren, insbesondere Leucin und verzweigtkettigen Aminosäuren. 7, 2
Magere tierische Proteinquellen und pflanzliche Proteine können leicht in einen gesunden Ernährungsplan integriert werden. 3
Häufige Fallstricke und Warnungen
Zu niedrige Proteinzufuhr vermeiden
Kalorienarme Diäten (1200 kcal/Tag) können unzureichende Proteinqualität und -quantität aufweisen und sollten sorgfältig auf Proteinadäquatheit überprüft werden. 3
Die American Heart Association warnt, dass Proteinzufuhr auf dem Niveau der RDA (0,8 g/kg/Tag) während Kalorienrestriktion suboptimal für den Muskelerhalt ist. 3
Anpassung an Trainingsstatus
Erfahrene Athleten benötigen weniger Protein, während mehr Protein während Perioden mit hoher Trainingsfrequenz/-intensität konsumiert werden sollte. 7
Die Proteinempfehlungen können auch vom Trainingsstatus abhängen: 1,3-1,8 g/kg/Tag für allgemeine Athleten, aber bis zu 1,8-2,0 g/kg/Tag (oder höher) während Perioden mit Energierestriktion zur Förderung des Fettverlusts. 7
Adjustierung bei Adipositas
Bei BMI ≥30 kg/m² sollte adjustiertes Körpergewicht verwendet werden: Idealgewicht + 20-25% des Übergewichts (tatsächliches Gewicht - Idealgewicht). 3
Dieser pragmatische Ansatz berücksichtigt, dass etwa 10% des Übergewichts bei adipösen Personen Muskel ist, während der metabolische Bedarf von Fettgewebe (4,5 kcal/kg/Tag) und Muskel (13 kcal/kg/Tag) unterschiedlich ist. 3
Kontraindikationen für hohe Proteinzufuhr
Sehr kalorienarme Diäten (<1000 kcal/Tag) werden aufgrund des Risikos von Mangelernährung und funktionellem Abbau stark abgeraten. 4
Bei chronischer Nierenerkrankung sollten Patienten, die zuvor auf kontrollierter Proteinzufuhr gehalten wurden, während akuter Erkrankung nicht auf diesem Regime gehalten werden. 3