Umstellung von Levetiracetam auf Valproat als Anfallsprophylaxe
Wichtigste Empfehlung
Bei erwachsenen Patienten sollte die Umstellung von Levetiracetam auf Valproat durch schrittweise Aufdosierung von Valproat über 2–4 Wochen mit anschließendem langsamen Ausschleichen von Levetiracetam über weitere 2–4 Wochen erfolgen, wobei bei Frauen im gebärfähigen Alter Valproat absolut kontraindiziert ist. 1
Absolute Kontraindikation bei Frauen im gebärfähigen Alter
- Valproat darf bei Frauen im gebärfähigen Alter nicht verwendet werden aufgrund des signifikant erhöhten Risikos für fetale Fehlbildungen und neurokognitive Entwicklungsstörungen 1, 2
- Bei dieser Patientengruppe ist Levetiracetam das bevorzugte Antiepileptikum und sollte beibehalten werden 1
- Falls eine Umstellung bei Frauen im gebärfähigen Alter dennoch erwogen wird, muss eine sichere Kontrazeption gewährleistet und dokumentiert sein 1
Dosierungsprotokoll für die Umstellung
Phase 1: Valproat-Aufdosierung (Wochen 1–4)
- Woche 1–2: Valproat mit 250–500 mg/Tag beginnen, während Levetiracetam in voller Dosis fortgeführt wird 1, 3
- Woche 3–4: Valproat schrittweise auf Zieldosis von 20–30 mg/kg/Tag erhöhen (typischerweise 1000–2000 mg/Tag in 2 geteilten Dosen) 1, 3
- Die langsame Aufdosierung minimiert gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit 1
Phase 2: Levetiracetam-Ausschleichen (Wochen 5–8)
- Nach Erreichen der therapeutischen Valproat-Dosis: Levetiracetam um 500 mg alle 1–2 Wochen reduzieren 2, 4
- Typisches Ausschleichschema: Bei 1500 mg/Tag Levetiracetam → 1000 mg für 1–2 Wochen → 500 mg für 1–2 Wochen → Absetzen 2
- Die mediane Umstellungsdauer in klinischen Studien betrug 19,5 Monate bei komplexen Fällen, kann aber bei unkomplizierten Patienten auf 6–8 Wochen verkürzt werden 2
Überwachung während der Umstellung
Klinische Parameter
- Anfallsfrequenz: Bei jedem Kontrolltermin dokumentieren, um Durchbruchanfälle frühzeitig zu erkennen 1
- Neurologischer Status: Alle 2 Wochen während der Umstellungsphase evaluieren 5
- Nebenwirkungen: Besonders auf Sedierung, Tremor, Gewichtszunahme, Haarausfall und Menstruationsstörungen achten 2
Laborkontrollen
- Leberfunktion: Transaminasen vor Beginn und nach 2–4 Wochen Valproat-Therapie kontrollieren 1
- Blutbild: Thrombozytenzahl überwachen, da Valproat Thrombozytopenie verursachen kann 1
- Valproat-Serumspiegel: Nach Erreichen der Zieldosis messen (therapeutischer Bereich: 50–100 µg/mL) 1
- Levetiracetam-Serumspiegel: Optional zur Überprüfung der Compliance während des Ausschleichens 1
Wichtige klinische Überlegungen
Pharmakologische Interaktionen
- Keine signifikanten pharmakokinetischen Interaktionen zwischen Levetiracetam und Valproat, was die Umstellung erleichtert 1, 6
- Valproat beeinflusst die Levetiracetam-Clearance nur minimal (7–13% Unterschied), sodass keine wesentlichen Dosisanpassungen erforderlich sind 6
- Beide Medikamente können sicher kombiniert werden während der Überlappungsphase 1
Verbesserung von Nebenwirkungen
- Nach erfolgreicher Umstellung von Valproat auf Levetiracetam (umgekehrte Richtung) zeigten Studien Verbesserungen bei Menstruationsstörungen und Haarausfall 2
- Bei der hier beschriebenen Umstellung (Levetiracetam → Valproat) können diese Nebenwirkungen neu auftreten 2
Häufige Fallstricke
- Zu schnelles Ausschleichen von Levetiracetam: Erhöht das Risiko für Durchbruchanfälle; immer mindestens 4–6 Wochen für das Ausschleichen einplanen 2, 4
- Unzureichende Valproat-Dosis vor Levetiracetam-Reduktion: Valproat muss therapeutische Spiegel erreichen, bevor Levetiracetam reduziert wird 4
- Fehlende Schwangerschaftstests: Bei allen Frauen im gebärfähigen Alter vor Valproat-Beginn obligatorisch 1
- Mangelnde Patientenaufklärung: Patienten müssen über das erhöhte Risiko für Durchbruchanfälle während der Umstellung informiert werden 1
Algorithmus für die Entscheidungsfindung
- Geschlecht und Alter prüfen: Ist die Patientin im gebärfähigen Alter? → Falls ja, Umstellung auf Valproat kontraindiziert 1
- Anfallskontrolle bewerten: Sind Anfälle unter Levetiracetam gut kontrolliert? → Falls ja, kritisch hinterfragen, ob Umstellung notwendig ist 2
- Compliance überprüfen: Levetiracetam-Serumspiegel messen, um Non-Compliance auszuschließen 1
- Leberfunktion testen: Transaminasen und Bilirubin vor Valproat-Beginn bestimmen 1
- Langsame Aufdosierung: Valproat über 2–4 Wochen auf Zieldosis titrieren 1, 3
- Therapeutische Spiegel erreichen: Valproat-Serumspiegel nach 2 Wochen stabiler Dosis messen 1
- Erst dann ausschleichen: Levetiracetam schrittweise über 4–6 Wochen reduzieren 2, 4
- Engmaschige Überwachung: Alle 2 Wochen Anfallsfrequenz und Nebenwirkungen dokumentieren 1, 5
Vergleichende Wirksamkeit
- In einer randomisierten Studie bei älteren Patienten mit Status epilepticus zeigte Valproat 68,3% Anfallskontrolle versus 74,1% für Levetiracetam (nicht signifikant unterschiedlich) 3
- Beide Medikamente haben als Zweitlinientherapie nach Benzodiazepinen vergleichbare Wirksamkeit: Valproat 88% versus Levetiracetam 68–73% 1, 5
- Die Wahl zwischen den Medikamenten sollte primär auf Nebenwirkungsprofil, Kontraindikationen und Patientenpräferenz basieren 3