IHHT bei Long-COVID
Intermittierende Hypoxie-Hyperoxie-Training (IHHT) ist derzeit keine etablierte Standardtherapie für Long-COVID und wird in den aktuellen ACC-Leitlinien nicht empfohlen; stattdessen sollte ein strukturiertes Programm mit liegendem/halbliegendem Training nach kardialer Abklärung durchgeführt werden.
Evidenzlage zu IHHT
Die einzige verfügbare Studie zu IHHT bei Long-COVID zeigt vielversprechende Ergebnisse, aber wichtige Einschränkungen:
- Eine kontrollierte Pilotstudie (2024, n=145) zeigte, dass IHHT zusätzlich zur stationären Rehabilitation die 6-Minuten-Gehstrecke 2,8-fach stärker verbesserte als Standardtherapie allein (91,7 m vs. 32,6 m) 1
- Das Protokoll umfasste 3x wöchentlich überwachte Sitzungen mit intermittierender hypoxischer (10-12% O₂) und hyperoxischer (30-35% O₂) Atmung über die gesamte Rehabilitationsdauer 1
- Sekundäre Endpunkte wie Dyspnoe, Fatigue und Lebensqualität verbesserten sich signifikant, ohne unerwünschte Ereignisse 1
Kritische Bewertung: Diese Studie war nicht randomisiert, offen und hatte eine kleine Stichprobengröße. IHHT wird in keiner aktuellen Leitlinie erwähnt und sollte als experimentell betrachtet werden 2.
Empfohlene Standardtherapie nach ACC-Leitlinien
Obligatorische kardiale/pulmonale Abklärung vor Trainingstherapie
Vor Beginn jeglicher Trainingstherapie müssen folgende Untersuchungen durchgeführt werden:
- Basislabor einschließlich kardialem Troponin 2, 3
- 12-Kanal-EKG 2
- Echokardiographie zur Beurteilung von diastolischer Dysfunktion, Ejektionsfraktion, pulmonaler Hypertonie und Perikardveränderungen 2, 3
- Langzeit-EKG zum Ausschluss von Arrhythmien und posturaler orthostatischer Tachykardie 2, 3
- Röntgen-Thorax und/oder CT-Thorax 2
- Lungenfunktionsprüfung 2, 3
Kardiologische Konsultation erforderlich bei:
- Abnormen kardialen Testergebnissen 2
- Bekannter kardiovaskulärer Erkrankung mit neuen/verschlechterten Symptomen 2
- Dokumentierten kardialen Komplikationen während der SARS-CoV-2-Infektion 2
- Persistierenden kardiopulmonalen Symptomen ohne andere Erklärung 2
Strukturiertes Trainingsprogramm (ACC-Standard)
Initiales Protokoll:
- Liegendes/halbliegendes Training (Rudern, Schwimmen, Radfahren) ist initial obligatorisch, da aufrechtes Training die Fatigue verschlimmern und postexertionelle Malaise auslösen kann 2
- Startdosis: 5-10 Minuten täglich bei einer Intensität, die vollständige Sätze sprechen erlaubt 2
- Progression: Schrittweise Steigerung um ca. 2 Minuten pro Tag pro Woche 2
- Übergang zu aufrechtem Training erst nach Verbesserung der orthostatischen Intoleranz 2
Pathophysiologische Begründung: Trainingstherapie erhöht Herzmasse und Blutvolumen, verbessert ventrikuläre Compliance, verschiebt die Frank-Starling-Kurve nach oben und steigert Schlagvolumen und maximale Sauerstoffaufnahme 2. Dekonditionierung kann bereits nach 20 Stunden Inaktivität auftreten 4, 5.
Unterstützende nicht-pharmakologische Maßnahmen
- Salz- und Flüssigkeitsbelastung: 5-10 g Natrium (1-2 Teelöffel Kochsalz) und 3 Liter Wasser/Elektrolytlösung täglich 2
- Kopfende des Bettes um 10-15 cm erhöhen 2
- Kompressionsstrümpfe (hüfthoch) zur Unterstützung des zentralen Blutvolumens 2
- Vermeidung von Alkohol, Koffein, großen Mahlzeiten und übermäßiger Hitzeexposition 2
Pharmakologische Optionen
Bei persistierender Tachykardie und Palpitationen:
- Beta-Blocker (niedrig dosiert: Bisoprolol, Metoprolol, Nebivolol, Propranolol) als Erstlinientherapie 2, 3
- Nicht-Dihydropyridin-Kalziumkanalblocker (Diltiazem, Verapamil) als Alternative 2
- Ivabradin bei schwerer Fatigue, die durch Beta-Blocker verschlimmert wird 2
- Fludrocortison (bis 0,2 mg nachts) mit Kaliumüberwachung bei orthostatischer Intoleranz 2
- Midodrin (2,5-10 mg, erste Dosis morgens vor dem Aufstehen, letzte Dosis nicht später als 16 Uhr) 2
Kontraindikationen für Training
Absolute Kontraindikationen:
- Myokarditis: 3-6 Monate Trainingsabstinenz obligatorisch 2
- Abnorme kardiale MRT-Befunde bis zur Klärung 2
- Instabile kardiovaskuläre Erkrankung 2
Relative Kontraindikationen:
- Persistierende kardiopulmonale Symptome ohne abgeschlossene Diagnostik 2
- Schwere orthostatische Hypotonie trotz Therapie 2
Häufige Fallstricke
- Zu frühes aufrechtes Training: Verschlimmert orthostatische Intoleranz und führt zu postexertioneller Malaise 2
- Zu aggressive Progression: Kann zu Rückschlägen führen; langsame Steigerung ist entscheidend 2
- Unzureichende kardiale Abklärung: Myokarditis muss vor Trainingsbeginn ausgeschlossen werden 2
- Ignorieren von postexertioneller Malaise: Erfordert Reduktion der Trainingsintensität 2, 4, 5
Klinischer Algorithmus
- Kardiopulmonale Symptome vorhanden? → Ja: Vollständige kardiale Abklärung (EKG, Troponin, Echo, Langzeit-EKG, Bildgebung, Lungenfunktion) 2, 3
- Abnorme Befunde oder persistierende Symptome? → Ja: Kardiologische Konsultation 2
- Myokarditis ausgeschlossen? → Ja: Strukturiertes liegendes Training beginnen 2
- Orthostatische Intoleranz verbessert? → Ja: Übergang zu aufrechtem Training 2
- Symptome persistieren trotz Training? → Pharmakologische Therapie erwägen 2
IHHT sollte nur im Rahmen kontrollierter Studien oder nach Ausschöpfung aller etablierten Therapien in spezialisierten Zentren erwogen werden, da die Evidenz unzureichend ist und keine Leitlinienempfehlung existiert 1.