Vorgehen bei leicht erhöhter Lipase
Bei asymptomatischen Patienten mit leicht erhöhter Lipase (<3-fach über der Obergrenze) sollten Sie zunächst nicht-pankreatische Ursachen ausschließen und nur bei klinischem Verdacht oder persistierender Erhöhung eine Bildgebung durchführen.
Initiale Bewertung
Klinische Einordnung
- Prüfen Sie gezielt auf Oberbauchschmerzen, Übelkeit/Erbrechen und epigastrische Druckschmerzhaftigkeit – diese Symptome zusammen mit erhöhter Lipase deuten auf akute Pankreatitis hin 1
- Bei fehlenden Symptomen liegt in 26,5% der Fälle dennoch eine akute Pankreatitis vor, die ohne Bildgebung übersehen wird 2
- Beachten Sie: Die Schwere einer Pankreatitis ist unabhängig von der Höhe der Lipase-Erhöhung – auch leichte Erhöhungen können schwere Verläufe haben 3
Diagnostische Schwellenwerte verstehen
- Lipase >3-fach über der Obergrenze hat die höchste Spezifität für akute Pankreatitis 4, 5
- Erhöhungen <3-fach haben geringe Spezifität und können bei vielen nicht-pankreatischen Erkrankungen auftreten 4, 5
- Lipase ist Amylase überlegen (Sensitivität 79% vs. 72%) und bleibt länger erhöht (8-14 Tage vs. 3-7 Tage) 4, 5
Differentialdiagnosen bei leichter Lipase-Erhöhung
Nicht-pankreatische Ursachen ausschließen
- Niereninsuffizienz – häufigste Ursache isolierter Lipase-Erhöhung 6
- Gastrointestinale Erkrankungen: Appendizitis, akute Cholezystitis, Ösophagitis, Darmobstruktion 4, 7, 6
- Maligne Tumoren – können lipolytische Enzyme produzieren 6
- Hypertriglyzeridämie – kann Lipase-Erhöhung verursachen 6
- Verzögerte Blutentnahme – kann zu falsch erhöhten Werten führen 6
Strukturiertes diagnostisches Vorgehen
Bei asymptomatischen Patienten (<3-fach erhöht)
- Kreatinin und Nierenfunktion prüfen – Niereninsuffizienz ist die häufigste Ursache 6
- Triglyzeride messen – Werte >1000 mg/dl (>11,3 mmol/l) deuten auf hypertriglyzeridämische Ätiologie hin 4, 8
- Leberwerte (Bilirubin, AST, ALT, AP) bestimmen – zur Beurteilung einer biliären Genese 8
- Kalzium messen – Hyperkalzämie kann Pankreatitis auslösen 4, 8
Wann Bildgebung durchführen?
Abdomensonographie sollte erfolgen bei:
- Persistierender Lipase-Erhöhung über mehrere Tage 9
- Klinischem Verdacht trotz fehlender Symptome 2
- Zum Ausschluss von Gallensteinen, Gallengangserweiterung oder freier Flüssigkeit 1, 4
Kontrast-CT nach 72 Stunden bei:
- Unklarer Diagnose trotz Sonographie 4, 8
- Klinischer Verschlechterung 4, 8
- Nicht vor 72 Stunden, da frühe CTs Pankreasnekrosen unterschätzen 4, 8, 5
Bei symptomatischen Patienten (auch <3-fach erhöht)
- Sofortige Abdomensonographie – auch bei leichter Erhöhung kann eine Pankreatitis vorliegen 2, 3
- Bildgebung erhöht die Diagnose-Rate von 7% auf 29% bei schmerzfreien Patienten mit erhöhter Lipase 2
Verlaufskontrolle und Monitoring
Was Sie NICHT tun sollten
- Lipase-Verlaufskontrollen sind nicht sinnvoll zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs – klinische Parameter sind zuverlässiger 4
- Lipase kann 8-14 Tage erhöht bleiben, auch bei adäquater Therapie 4, 5
- Enzymwerte sollten nicht für Entscheidungen über Nahrungsaufbau oder Entlassung verwendet werden 5
Sinnvolles Monitoring
- Klinische Untersuchung – Schmerzrückgang, Toleranz oraler Nahrung, Fehlen systemischer Entzündungszeichen 4, 8
- CRP nach 48-72 Stunden – Werte >150 mg/L deuten auf schwere Pankreatitis hin 8
- APACHE II Score – Werte ≥8 erfordern Intensivüberwachung 4, 8
Wichtige Fallstricke
- Unterschätzen Sie nicht Patienten mit nur leichter Erhöhung – Schweregrad ist unabhängig von der Enzymhöhe 3
- Bei alkoholinduzierter Pankreatitis sind die Enzymwerte oft niedriger als bei anderen Ätiologien 3
- Persistierende Erhöhung nach 10 Tagen – erhöhtes Risiko für Pseudozysten-Bildung 4
- Bei unklarer Ursache – 24 Monate radiologische Nachsorge erforderlich, bevor eine benigne Hyperenzymämie diagnostiziert werden kann 9