Diagnostische Abklärung bei Ödemen
Bei Ödemen sollte die diagnostische Abklärung mit einer gezielten Anamnese und körperlichen Untersuchung beginnen, gefolgt von einem Basislabor (Nierenfunktion, Leberwerte, Schilddrüsenwerte, BNP, Urinprotein) und bildgebenden Verfahren je nach Lateralität und Akuität der Symptome. 1, 2
Initiale klinische Beurteilung
Anamnestische Schwerpunkte
- Kardiale Symptome wie Orthopnoe, paroxysmale nächtliche Dyspnoe und Belastungsdyspnoe weisen stark auf eine Herzinsuffizienz hin 1, 2
- Medikamentenanamnese ist entscheidend: Kalziumkanalblocker, NSAR, Hormone und Antihypertensiva können Ödeme verursachen 2, 3
- Zeitlicher Verlauf: Akute unilaterale Ödeme erfordern sofortigen Ausschluss einer tiefen Venenthrombose, während chronische bilaterale Ödeme meist auf systemische Ursachen hinweisen 3, 4
- Onkologische Vorgeschichte: Lymphknotendissektion, Strahlentherapie oder Beckenoperationen erhöhen das Lymphödemrisiko 1
- Systemische Symptome wie Gewichtsverlust, Fieber oder Nachtschweiß können auf Malignität oder Infektion hindeuten 1
Körperliche Untersuchung
- Stemmer-Zeichen: Die Unfähigkeit, die Hautfalte an der Basis der zweiten Zehe anzuheben, ist hochsensitiv für Lymphödeme (cave: falsch-positiv bei Adipositas) 5, 1
- Kardiale Zeichen: Jugularvenenstauung, S3-Galopp und hepatojugulärer Reflux sprechen für Herzinsuffizienz 5, 1
- Lateralität und Verteilung: Bilaterale Unterschenkelödeme deuten auf systemische Ursachen (Herz, Niere, Leber), während unilaterale Ödeme eher lokale Pathologien (Thrombose, Lymphödem, venöse Insuffizienz) nahelegen 3, 4
- Hautbeschaffenheit: Derbes, nicht-eindrückbares Ödem charakterisiert Lymphödeme; Hämosiderinablagerungen und Stauungsdermatitis sprechen für chronische venöse Insuffizienz 4
Labordiagnostisches Vorgehen
Basislabor (bei allen Patienten)
- Basales Stoffwechselpanel zur Beurteilung der Nierenfunktion 1, 2
- Leberfunktionsparameter zum Ausschluss einer hepatischen Dysfunktion mit portaler Hypertension 1, 2
- Schilddrüsenwerte zum Screening auf Hypothyreose 2, 6
- Urinanalyse mit Proteinquantifizierung: Proteinurie >3,5 g/Tag spricht für nephrotisches Syndrom 2
- Blutbild zur Erfassung von Anämie oder Infektionszeichen 1, 6
Erweiterte Diagnostik bei kardialen Symptomen
- Brain Natriuretic Peptide (BNP): Werte >100 pg/mL legen eine Herzinsuffizienz nahe 1, 2, 6
- Bei erhöhtem BNP oder kardialen Symptomen ist eine Echokardiographie zur Beurteilung der linksventrikulären Funktion und Klappenerkrankungen indiziert 2, 6
- Bei erhaltener Ejektionsfraktion sollte der H2FPEF-Score zur Wahrscheinlichkeitsbestimmung einer HFpEF (Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion) herangezogen werden 5, 2
Algorithmus nach Klinik und Befunden
Akutes unilaterales Unterschenkelödem
- Sofortige Abklärung mittels D-Dimer-Test oder Kompressionssonographie zum Ausschluss einer tiefen Venenthrombose 3, 4
- Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und negativer Duplexsonographie kann eine MR-Venographie zum Ausschluss proximaler Becken- oder Oberschenkelthrombosen erforderlich sein 4
Chronisches bilaterales Unterschenkelödem
- Duplexsonographie mit Refluxmessung zur Diagnose einer chronischen venösen Insuffizienz, der häufigsten Ursache bilateraler Unterschenkelödeme bei älteren Erwachsenen 2, 3
- Bei kardialen Symptomen oder erhöhtem BNP: Echokardiographie 2, 3
- Bei Verdacht auf Lymphödem (derbes, nicht-eindrückbares Ödem, positives Stemmer-Zeichen): Lymphszintigraphie bei unklarer Diagnose 3, 4
Akutes Lungenödem
- Sofortmaßnahmen: Sauerstofftherapie, sublinguales oder intravenöses Nitroglycerin und intravenöses Furosemid 2
- Thoraxröntgen und arterielle Blutgasanalyse sind unverzüglich durchzuführen 5
- Transthorakale Echokardiographie zur Beurteilung der Herzfunktion 2
- Bei fehlendem Ansprechen auf Nitrate oder schwerer Klappeninsuffizienz kann Natriumnitroprussid erwogen werden 2
Periorbitalödem
- Bilaterales Periorbitalödem erfordert Ausschluss systemischer Ursachen (renal, kardial, hepatisch, thyreoideal) 6
- Bei Sehstörungen ist eine sofortige ophthalmologische Vorstellung zum Ausschluss einer Orbitaphlegmone oder anderer sehbedrohender Erkrankungen erforderlich 1, 6
- CT-Bildgebung ist nur bei Trauma, unilateraler Beteiligung oder besorgniserregenden okulären Befunden (Proptosis, Sehstörungen, Ophthalmoplegie) indiziert 6
Aszites mit Unterschenkelödemen
- Leberfunktionsparameter und abdominelle Bildgebung zur Abklärung einer Leberzirrhose mit portaler Hypertension 5, 1
Kritische Fallstricke
- Keine empirische Diuretikagabe ohne Klärung der Ursache: Langfristige Anwendung kann zu schweren Elektrolytstörungen, Volumenmangel und Stürzen führen 2
- Bilaterales Periorbitalödem nicht als rein kosmetisch abtun: Dies kann die Diagnose systemischer Erkrankungen verzögern 2, 6
- Medikamentös induzierte Ödeme nicht übersehen, insbesondere durch Kalziumkanalblocker, NSAR und Hormone 2
- Ophthalmologische Überweisung bei Sehstörungen nicht verzögern, da dies auf sehbedrohende Zustände hinweisen kann 1, 6
- Keine vorzeitige Kortikosteroidgabe bei periorbitaler Schwellung, da dies infektiöse Ursachen verschlimmern und den Augeninnendruck erhöhen kann 2
Spezielle Überlegungen
Bei chronischer venöser Insuffizienz ist Kompressionstherapie mit mindestens 20-30 mmHg (bei schwerer Erkrankung 30-40 mmHg) die Therapie der Wahl 2. Hautpflege ist entscheidend zur Prävention von Hautläsionen und venösen Ulzera 4. Stauungsdermatitis kann mit Emollientien und topischen Steroidcremes behandelt werden 4.