Ambulante Behandlung der Arteriitis temporalis
Ja, eine neu diagnostizierte Arteriitis temporalis kann ambulant behandelt werden, wenn keine akute Visusverschlechterung, neurologische Defizite oder andere organbedrohende Komplikationen vorliegen. 1
Voraussetzungen für ambulante Behandlung
Die ambulante Therapie ist angemessen bei Patienten ohne folgende Manifestationen:
- Akuter Visusverlust oder drohende Erblindung (Amaurosis fugax, Sehverlust) 1
- Neurologische Ausfälle (Schlaganfall, zerebrale Ischämie) 1
- Kritische kraniale Ischämie 1
Sofortige ambulante Therapieeinleitung
Beginnen Sie hochdosierte orale Glukokortikoide (40-60 mg/Tag Prednison oder 1 mg/kg/Tag, maximal 60 mg) sofort bei klinischem Verdacht, noch vor Biopsiebestätigung. 2, 3 Die American College of Rheumatology betont, dass die Behandlung nicht verzögert werden darf, während auf Biopsie- oder Bildgebungsergebnisse gewartet wird. 2
- Tägliche Dosierung ist der alternierenden Gabe überlegen 1
- Gabe als Einzeldosis morgens 3
- Die Behandlung muss nicht stationär erfolgen, wenn keine visuellen oder neurologischen Symptome vorliegen 1
Diagnostische Abklärung (parallel zur ambulanten Therapie)
Temporalarterienbiopsie innerhalb von 2 Wochen nach Therapiebeginn organisieren – die Biopsie bleibt auch nach Steroidbeginn diagnostisch verwertbar. 2, 3
- Langes Biopsiesegment (>1 cm) zur Verbesserung der diagnostischen Ausbeute 2, 3
- Zunächst unilaterale Biopsie ausreichend 2
Bei negativer Biopsie aber anhaltendem klinischem Verdacht: Nicht-invasive Gefäßbildgebung der großen Gefäße (CT/MR-Angiographie, Ultraschall, FDG-PET) zur Evaluation einer extrakraniellen Beteiligung. 1
Ambulante Verlaufskontrolle
Engmaschige klinische Überwachung ist essentiell, auch bei scheinbarer Remission:
- Klinische Symptome (Kopfschmerz, Kieferclaudicatio, visuelle Veränderungen) 3
- Entzündungsparameter (BSG, CRP) regelmäßig kontrollieren 2, 3
- Palpation der Temporalarterien 3
Wichtig: Isolierte Erhöhung von Entzündungsmarkern ohne klinische Symptome rechtfertigt keine Therapieeskalation – stattdessen Beobachtung und häufigere Kontrollen. 2, 3
Steroid-sparende Zusatztherapie (ambulant möglich)
Tocilizumab (162 mg subkutan wöchentlich) mit oralen Glukokortikoiden wird als Erstlinientherapie empfohlen, besonders bei Patienten mit hohem Risiko für Steroid-Nebenwirkungen. 1, 3 Dies reduziert Rezidivraten und ermöglicht schnelleres Ausschleichen. 1, 3
- Alternative: Methotrexat als Steroid-sparendes Mittel, wenn Tocilizumab kontraindiziert ist (Evidenz weniger robust) 1, 3
- Niedrig-dosiertes Aspirin (100 mg täglich) bei kritischer oder fluss-limitierender Beteiligung der Vertebral- oder Karotidarterien 2, 3
Ausschleichschema (ambulant durchführbar)
Hochdosisphase: 40-60 mg/Tag für ca. 1 Monat bis zur Symptomfreiheit und Normalisierung der Entzündungsparameter. 3
Strukturiertes Ausschleichen:
- Reduktion auf 15-20 mg/Tag innerhalb von 2-3 Monaten 3
- Ziel: 10-15 mg/Tag nach 3 Monaten 3
- Anstreben von ≤5 mg/Tag nach 12 Monaten 3
Die Entscheidungen zum Ausschleichen sollten durch klinisches Ansprechen und Normalisierung von BSG/CRP geleitet werden, nicht durch einen starren Zeitplan. 3
Wann stationäre Einweisung erforderlich ist
Sofortige stationäre Aufnahme mit intravenöser Pulstherapie (Methylprednisolon 500-1000 mg/Tag für 3 Tage) bei:
- Visuellen Symptomen oder drohendem Visusverlust 1, 3
- Neurologischen Ausfällen 1
- Kritischer kranialer Ischämie 1
Häufige Fallstricke
- Niemals die hochdosierte Glukokortikoid-Therapie verzögern, während auf Biopsiebestätigung oder Facharzttermin gewartet wird – sofortige Therapie ist essentiell zur Verhinderung irreversibler Erblindung. 3
- Nicht ausschließlich auf BSG/CRP verlassen – klinische Beurteilung hat Vorrang vor isolierten Laborwerterhöhungen. 2, 3
- Rezidive treten bei 34-75% der Patienten während des Ausschleichens auf – engmaschige Überwachung erforderlich. 3
Supportive Maßnahmen (ambulant)
- Knochenschutztherapie (Kalzium, Vitamin D, Bisphosphonate nach Indikation) bei allen Patienten wegen hohem Osteoporoserisiko unter Langzeit-Glukokortikoiden 3
- Protonenpumpenhemmer-Prophylaxe zur Ulkusprävention erwägen 3
- Glukokortikoid-bedingte Nebenwirkungen treten bei ca. 86% der Patienten unter Langzeittherapie auf 3