Differentialdiagnose und Abklärung bei hEDS mit persistierendem Fieber und Fatigue
Bei einer 26-jährigen Patientin mit hypermobilem Ehlers-Danlos-Syndrom, täglichem Fieber bis 38,3 °C über 6 Monate, erniedrigtem C3/C4 und schwerer Fatigue muss primär eine systemische Autoimmunerkrankung (insbesondere systemischer Lupus erythematodes) ausgeschlossen werden, bevor die Symptome auf hEDS-assoziierte Komorbiditäten zurückgeführt werden.
Prioritäre Differentialdiagnosen
Die Konstellation aus persistierendem Fieber, erniedrigten Komplementfaktoren (C3/C4) und Fatigue bei bekanntem hEDS erfordert dringend den Ausschluss folgender Erkrankungen:
Systemische Autoimmunerkrankungen (höchste Priorität)
- Systemischer Lupus erythematodes (SLE): Erniedrigte C3/C4-Werte sind hochspezifisch für aktiven SLE und korrelieren mit Krankheitsaktivität 1
- Sjögren-Syndrom: Kann mit Raynaud-Phänomen, Fatigue und autonomer Dysfunktion einhergehen 1
- Undifferenzierte Kollagenose: Überlappende Symptome mit hEDS möglich 1
hEDS-assoziierte Komorbiditäten
- Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS): Kann episodisches Fieber, Fatigue und multisystemische Symptome verursachen 1
- Small-Fiber-Neuropathie: Tritt bei 64-82% der hEDS-Patienten auf und kann autonome Dysfunktion verstärken 2
- Autoimmune Dysautonomie: Neuere Evidenz deutet auf mögliche autoimmune Ätiologien bei POTS hin 1
Medikamenteninduzierte Faktoren
- Methylphenidat-Effekte: Stimulanzien können POTS-Symptome verschlimmern und autonome Dysfunktion verstärken 1
Obligate Erstabklärung
Autoimmunserologie (absolut prioritär)
- ANA (antinukleäre Antikörper) mit Titer und Muster 1
- Anti-dsDNA und Anti-Smith-Antikörper (spezifisch für SLE) 1
- Anti-SSA/Ro und Anti-SSB/La (für Sjögren-Syndrom) 1
- ANCA (antineutrophile zytoplasmatische Antikörper) 3
- Wiederholung von C3, C4 plus CH50 zur Bestätigung der Komplementerniedrigung 1
Entzündungsmarker und Hämatologie
- BSG und CRP zur Quantifizierung der systemischen Inflammation 3
- Großes Blutbild mit Differentialblutbild (Zytopenie bei SLE, Eosinophilie bei MCAS) 3
- LDH als Marker für Gewebsabbau oder Hämolyse 3
MCAS-spezifische Diagnostik
- Baseline-Serum-Tryptase nur wenn episodische multisystemische Symptome (≥2 Organsysteme wie Flush, Urtikaria, Giemen) vorliegen 1, 3, 4
- Wiederholte Tryptase-Messung 1-4 Stunden nach symptomatischem Schub: Diagnostischer Schwellenwert ist Anstieg um 20% über Baseline plus 2 ng/mL 3, 5
- Cave: Routinemäßige MCAS-Testung bei isolierter Fatigue ist nicht indiziert 4
Zöliakie-Screening
- Zöliakie-Serologie sollte bei hEDS-Patienten mit gastrointestinalen Symptomen früher durchgeführt werden, da das Risiko erhöht ist 3, 4
Infektiöse Ursachen
- Virusserologie (EBV, CMV, Parvovirus B19): Bis zu 40% der POTS-Patienten berichten von vorausgehender viraler Infektion 1
- COVID-19-Antikörper und Long-COVID-Evaluation: Assoziation zwischen COVID-19 und POTS ist beschrieben 1
Autonome Funktionsdiagnostik
POTS-Bestätigung
- Aktiver Stehtest mit posturalen Vitalzeichen: Herzfrequenzanstieg ≥30 Schläge/min (≥40 bei Adoleszenten 12-19 Jahre) innerhalb 10 Minuten Stehen ohne orthostatische Hypotonie 1, 3, 4
- Kipptischuntersuchung bei grenzwertigem POTS zur definitiven Bestätigung und Phänotypisierung (hypovolämisch, neuropathisch, hyperadrenerg) 1, 3
Erweiterte autonome Testung
- Sudomotor-Funktion (QSART): Reduzierte Antworten deuten auf sympathische neurogene Dysfunktion hin, die bei hEDS häufig ist 6
- Herzfrequenzvariabilität und Baroreflex-Sensitivität: 90% der hEDS-Patienten zeigen milde autonome Insuffizienz 2, 6
Kardiovaskuläre Bildgebung
- Echokardiographie zur Evaluation der Aortenwurzel: Dilatation tritt bei 25-33% der hEDS-Patienten auf 3, 4
- Zerebrale Blutflussgeschwindigkeit (CBFv): Bei 79% der hEDS-Patienten reduziert und korreliert mit orthostatischem Schwindel 2
Therapeutisches Management
Methylphenidat-Reevaluation
- Kritische Überprüfung der Medikinet-Dosis: Stimulanzien können POTS-Symptome und autonome Dysfunktion verschlimmern 1
- Erwägen einer Dosisreduktion oder Umstellung auf nicht-stimulierende ADHS-Medikation, falls POTS-Symptome sich verschlechtern 1
POTS-Management (falls bestätigt)
- Konservative Maßnahmen: Erhöhte Flüssigkeits- und Salzzufuhr (2-3 Liter/Tag, 10-12 g Salz), Kompressionsstrümpfe (30-40 mmHg), graduiertes Ausdauertraining 4, 7
- Pharmakologische Optionen bei unzureichendem Ansprechen: Volumenexpansion (Fludrocortison), Herzfrequenzkontrolle (niedrig dosierte Betablocker), Vasokonstriktion (Midodrin) 4, 7
Schmerzmanagement
- Neuromodulatoren bevorzugen: Trizyklische Antidepressiva, SSRI, SNRI, Pregabalin oder Gabapentin 4
- Opioide strikt vermeiden für chronische oder abdominelle Schmerzen 3, 4
MCAS-Therapie (falls diagnostiziert)
- Gestufter Ansatz: H1-Antihistaminikum (zweite Generation), H2-Rezeptorantagonist, Mastzellstabilisator, Leukotrien-Rezeptorantagonist 5
- Triggervermeidung: Bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol, starke Gerüche, Temperaturwechsel, spezifische Medikamente 4, 5
Gastrointestinale Symptome
- Prokinetika bei verzögerter Magenentleerung 4
- Antispasmodika (Hyoscyamin, Dicycloverine, Pfefferminzöl) bei abdominellen Schmerzen 4
- Brain-Gut-Verhaltenstherapien: Ansprechrate bis 70% bei hEDS-Patienten mit erhöhter Angst 4
Kritische Fallstricke
Häufige Fehldiagnosen vermeiden
- Funktionelle neurologische Störungen, Multiple Sklerose und Fibromyalgie werden bei hEDS-Patienten häufig fälschlicherweise diagnostiziert und später abgelehnt 8
- Durchschnittliche Zeit bis zur korrekten hEDS-Diagnose beträgt 10,4 Jahre 8
Vorsicht bei invasiven Eingriffen
- Orthopädische Chirurgie verzögern zugunsten von Physiotherapie und Orthesen, da Stabilisierungs- und Schmerzreduktionsergebnisse bei hEDS schlechter sind 4
- Keine invasive vaskuläre Bildgebung ohne vorherigen Ausschluss von vaskulärem EDS (COL3A1-Test), da fatale Komplikationen berichtet wurden 3
Psychosoziale Aspekte
- Psychologische Belastung ist häufig: Angst, Depression, Somatisierung und schlechte Bewältigungsstrategien sind bei chronischer Dysmotilität üblich 1
- Multidisziplinäres Team einschließlich klinischer Psychologie und Liaison-Psychiatrie ist ideal 1
Spezialistenüberweisung
- Rheumatologie: Dringend bei erniedrigten Komplementfaktoren zur SLE-Abklärung 1
- Allergologie/Immunologie: Bei bestätigtem MCAS mit klinischen und laborchemischen Kriterien 3, 4
- Kardiologie: Bei bestätigtem POTS mit unzureichendem Ansprechen auf konservative Maßnahmen 4
- Medizinische Genetik: Zur definitiven hEDS-Klassifizierung nach 2017-Kriterien 3