Elektrophysiologische Grenzwerte bei Karpaltunnelsyndrom
Die elektrophysiologische Diagnostik des Karpaltunnelsyndroms basiert auf spezifischen Grenzwerten, wobei ein Querschnitt des Nervus medianus >15 mm² im Ultraschall als diagnostisch gilt, während bei der Nervenleitgeschwindigkeit die Kombination aus distaler motorischer Latenz, sensorischer Nervenleitgeschwindigkeit und Vergleich der medianen und ulnaren sensorischen Latenzen entscheidend ist. 1
Diagnostische Kriterien und Grenzwerte
Elektrophysiologische Hauptparameter:
Querschnittsfläche des N. medianus im Ultraschall:
15 mm² gilt als diagnostisch für ein Karpaltunnelsyndrom 1
- Messung am Karpaltunneleingang und proximalen Karpaltunnel
Nervenleitgeschwindigkeit (NLG):
- Orthodrome sensorische Leitgeschwindigkeit des N. medianus im Karpaltunnel
- Vergleich der medianen und ulnaren sensorischen Leitgeschwindigkeit vom Ringfinger zum Handgelenk
- "Inching-Test": Segmentale Messung der sensorischen Nervenleitgeschwindigkeit über den Karpaltunnel 2
Distale motorische Latenz (DML):
- Beste Vorhersage für den funktionellen Status des Patienten 3
- Verlängerte DML weist auf eine Kompression des N. medianus hin
Sensorische distale Latenz:
- Beste Vorhersage für die Symptomschwere 3
- Sensitiverer Parameter als die motorische Latenz
Diagnostische Strategie
Optimale Kombination elektrophysiologischer Tests:
- Vergleich N. medianus/N. ulnaris (Sensitivität erhöht)
- Berechnung des distoproximalen Verhältnisses (Sensitivität 81%) 2
- Verhältnis der NLG zwischen drittem Finger und Handfläche zur NLG zwischen Handfläche und Handgelenk
- "Inching-Test" zur Lokalisierung fokaler Anomalien 2
Die Kombination dieser Techniken erreicht eine Gesamtsensitivität von 92%, was 11% höher ist als der Ertrag des besten Einzeltests 2.
Typische elektrophysiologische Befunde:
- Reduzierte Leitgeschwindigkeiten
- Reduzierte sensorische und motorische Amplituden
- Abnorme zeitliche Dispersion und/oder partielle motorische Leitungsblöcke
- "Sural-Sparing-Muster": Normales Suralis-Potential bei abnormen oder fehlenden medianen und ulnaren sensorischen Nervenaktionspotentialen 4
Wichtige Hinweise zur Interpretation
- Elektrophysiologische Messungen können in der Frühphase der Erkrankung (innerhalb einer Woche nach Symptombeginn) normal sein 4
- Bei milder Erkrankung, langsamer Progression oder klinischen Varianten kann eine Wiederholung der Untersuchung nach 2-3 Wochen hilfreich sein 4
- Die elektrophysiologische Einstufung sollte immer im Kontext der klinischen Symptome interpretiert werden 1
Klinische Anwendung
- Elektrophysiologische Tests sind nicht zwingend erforderlich für die Diagnose, werden jedoch empfohlen, um die Diagnose zu unterstützen, besonders bei atypischer Präsentation 4
- Nur 54,9% der Patienten mit klinischem Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom haben tatsächlich ein elektrophysiologisch bestätigtes KTS 5
- Elektrophysiologische Parameter sind bessere Prädiktoren für die Symptomschwere und den funktionellen Status als sonographische Messungen 3
Fallstricke und Vorsichtsmaßnahmen
- Normale elektrophysiologische Befunde schließen ein Karpaltunnelsyndrom nicht aus, besonders in frühen Stadien 4
- Technische Faktoren und Details der elektrophysiologischen Techniken sind grundlegend für die Qualität und genaue Interpretation der Untersuchung 6
- Bei komplexen Handsymptomen ist die elektrophysiologische Untersuchung notwendig für eine definitive Diagnose, um unnötige chirurgische Eingriffe zu vermeiden 5