Detaillierte Abklärung und Untersuchungen bei juvenilem Schlaganfall ohne Risikofaktoren
Bei einem juvenilen Schlaganfall ohne offensichtliche Risikofaktoren ist eine umfassende ätiologische Abklärung mittels eines systematischen diagnostischen Algorithmus unerlässlich, um die zugrundeliegende Ursache zu identifizieren und gezielte Sekundärpräventionsmaßnahmen einzuleiten.
Bildgebende Diagnostik
Initiale Bildgebung
- Gehirnbildgebung: MRT des Gehirns mit diffusionsgewichteten Sequenzen (DWI) zur genauen Bestimmung des Infarktmusters (lakunär vs. nicht-lakunär) 1, 2
- Gefäßbildgebung:
Spezielle Bildgebung
- T2-gewichtete Gradienten-Echo-MRT-Sequenzen zur Identifizierung von kavernösen Malformationen 1
- MR-Venographie bei Verdacht auf zerebrale Sinusvenenthrombose 2
Kardiale Diagnostik
Basisdiagnostik
- 12-Kanal-EKG zur Identifizierung von Herzrhythmusstörungen 1, 2
- Transthorakale Echokardiographie (TTE) zur Beurteilung von strukturellen Herzerkrankungen 1, 2
Erweiterte kardiale Diagnostik
Transösophageale Echokardiographie (TEE) zur Detektion von:
Verlängertes EKG-Monitoring (>24 Stunden) zur Detektion von paroxysmaler Vorhofflimmern 2, 6
- Idealerweise sequentielles multiphases Monitoring mit Detektionsraten von bis zu 23,7% 2
Labordiagnostik
Basisdiagnostik
- Routineblutuntersuchungen: Blutbild, Elektrolyte, Nierenfunktion, Leberwerte, Blutzucker, Lipidprofil 1
Erweiterte Labordiagnostik
Thrombophilie-Screening 3:
- Protein C, Protein S, Antithrombin III
- Faktor V Leiden-Mutation
- Prothrombin-G20210A-Mutation
- Antiphospholipid-Antikörper (Lupus-Antikoagulans, Anticardiolipin-Antikörper, β2-Glykoprotein-I-Antikörper)
- Entzündungsparameter (CRP, BSG)
- Autoimmunserologie (ANA, ANCA, Komplementfaktoren)
- Liquordiagnostik bei Verdacht auf ZNS-Vaskulitis
Stoffwechseldiagnostik:
- Alpha-Galactosidase-A-Aktivität zum Ausschluss eines Morbus Fabry 2
- Homocystein
Spezifische Diagnostik nach Altersgruppen
Patienten <30 Jahre
- Fokus auf:
Patienten 30-40 Jahre
- Zusätzlicher Fokus auf:
Patienten 40-55 Jahre
- Zusätzlicher Fokus auf:
Algorithmus zur Klassifizierung eines kryptogenen Schlaganfalls
Ein Schlaganfall wird als kryptogen klassifiziert, wenn nach vollständiger diagnostischer Abklärung folgende Ursachen ausgeschlossen wurden 2:
- Makroangiopathie (Atherosklerose großer Gefäße)
- Kardiale Emboliequellen
- Mikroangiopathie (Erkrankung kleiner Gefäße)
- Andere identifizierbare Ursachen
Besondere Überlegungen
Bei Nachweis einer arteriovenösen Malformation (AVM) ist eine vollständige Obliteration anzustreben, da das kumulative Blutungsrisiko bei Kindern und Jugendlichen über die Lebenszeit erheblich ist 1
Bei Nachweis eines PFO sollte die Entscheidung über einen Verschluss gemeinsam vom Patienten, einem Kardiologen und einem Neurologen getroffen werden, unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit einer kausalen Rolle des PFO 1
Bei kryptogenem Schlaganfall mit Verdacht auf embolische Genese (ESUS - Embolic Stroke of Undetermined Source) sollte eine verlängerte Herzrhythmusüberwachung zur Detektion von paroxysmaler Vorhofflimmern erfolgen 2, 6
Fallstricke und Vorsichtsmaßnahmen
Die Diagnose eines kryptogenen Schlaganfalls sollte erst nach Ausschluss aller möglichen Ursachen gestellt werden 1, 2
Bei etwa 25-50% der juvenilen Schlaganfälle bleibt die Ursache trotz umfassender Diagnostik ungeklärt (kryptogener Schlaganfall) 6
Eine umfangreiche Labordiagnostik auf seltene Ursachen sollte gezielt nach klinischem Verdacht erfolgen, da ein ungezieltes Screening die diagnostische Ausbeute nicht signifikant erhöht 3
Die zerebrale Angiographie sollte bei unerklärlichen intrazerebralen Blutungen erwogen werden, da bei bis zu 89,7% der Kinder mit nicht-traumatischen Blutungen eine vaskuläre Anomalie identifiziert werden kann 1