Diagnosekriterien für das Wolff-Parkinson-White (WPW) Syndrom im EKG
Die Diagnose des WPW-Syndroms im EKG basiert auf drei klassischen Kriterien: verkürztes PR-Intervall (<120 ms), Delta-Welle (Verbreiterung des initialen QRS-Komplexes) und ein verbreiterter QRS-Komplex (>120 ms).
Hauptkriterien für die Diagnose
Die elektrokardiographischen Merkmale des WPW-Syndroms umfassen:
- PR-Intervall < 120 ms - Durch die schnelle Überleitung über die akzessorische Leitungsbahn 1, 2
- Delta-Welle - Eine Verbreiterung/Abflachung des initialen Teils des QRS-Komplexes 1, 2
- Verbreiterter QRS-Komplex > 120 ms - Durch die Fusion der normalen und akzessorischen Leitung 1, 2
- Sekundäre Repolarisationsstörungen - ST-Strecken- und T-Wellen-Veränderungen, die typischerweise diskordant (entgegengesetzt) zur Hauptrichtung der Delta-Welle und des QRS-Komplexes verlaufen 2
Pathophysiologie und Mechanismus
Das WPW-Syndrom entsteht durch eine akzessorische Leitungsbahn (Kent-Bündel), die eine direkte elektrische Verbindung zwischen Vorhöfen und Ventrikeln herstellt und dabei den AV-Knoten umgeht 1, 3. Diese Bahn ermöglicht eine vorzeitige Aktivierung (Präexzitation) des Ventrikelmyokards.
Klinische Bedeutung und Risikostratifizierung
Die Erkennung des WPW-Musters im EKG ist wichtig für die Risikostratifizierung:
- Intermittierende Präexzitation deutet auf eine akzessorische Bahn mit längerer Refraktärzeit und geringerem Risiko hin 1
- Plötzliches Verschwinden der Präexzitation während körperlicher Belastung weist auf eine akzessorische Bahn mit geringem Risiko hin 1
- Kürzestes präexzitiertes R-R-Intervall < 250 ms bei Vorhofflimmern zeigt ein hohes Risiko für plötzlichen Herztod an 4, 1
Besonderheiten und Varianten
- Verborgene akzessorische Bahnen zeigen keine Präexzitation im Ruhe-EKG, können aber während einer Tachykardie erkannt werden 1
- Permanente junktionale reziproke Tachykardie (PJRT) entsteht durch eine langsam leitende, verborgene posteroseptale akzessorische Bahn mit langem RP-Intervall 1
- Mahaim-Fasern sind nodoventrikuäre oder faszikuloventrikuläre Verbindungen mit dekrementellen Eigenschaften, die minimale oder keine Präexzitation im Sinusrhythmus zeigen können 1
Differentialdiagnosen
- Kurzes PR-Intervall ohne Delta-Welle kann eine normale Variante im Athleten-EKG sein, sollte aber sorgfältig untersucht werden, da es ein Lown-Ganong-Levine-Syndrom oder eine strukturelle Herzerkrankung (wie HCM oder Morbus Fabry) widerspiegeln kann 4
- Septale Q-Wellen schließen ein WPW-Syndrom nicht aus, obwohl fehlende septale Q-Wellen als zusätzlicher Hinweis auf eine subtile Präexzitation verwendet werden 5
Diagnostisches Vorgehen
Bei Verdacht auf WPW-Syndrom sollte folgendes durchgeführt werden:
- Anamnese mit Fokus auf Symptome (Palpitationen, Synkopen) und Familienanamnese bezüglich Präexzitation, Kardiomyopathie oder plötzlichem Tod 4
- 24-Stunden-EKG zur Erfassung intermittierender Präexzitation oder Tachyarrhythmien 4
- Belastungstest zur Beurteilung des Verschwindens der Präexzitation unter Belastung 4, 1
- Pharmakologische Tests mit Adenosin/Verapamil können helfen, die Diagnose zu sichern und das arrhythmische Risiko einzuschätzen 4
- Echokardiographie zum Ausschluss einer assoziierten strukturellen Herzerkrankung wie Ebstein-Anomalie, hypertrophe Kardiomyopathie oder Glykogenspeicherkrankheit 4
Bei bestätigtem WPW-Syndrom mit Symptomen oder Hochrisikomerkmalen sollte eine elektrophysiologische Untersuchung zur weiteren Risikostratifizierung und Therapieplanung erfolgen 4, 1.
Die Katheterablation ist die Therapie der ersten Wahl für symptomatische Patienten mit WPW-Syndrom, mit Erfolgsraten über 95% und niedrigen Komplikationsraten 1.
Wichtige Warnhinweise
- Bei Patienten mit präexzitiertem Vorhofflimmern und hämodynamischer Instabilität ist die sofortige elektrische Kardioversion die empfohlene Initialbehandlung 1
- AV-Knoten-blockierende Medikamente (Kalziumkanalblocker, Betablocker, Digitalis) sollten bei Patienten mit präexzitiertem Vorhofflimmern vermieden werden, da sie die Leitung über die akzessorische Bahn verstärken und potenziell Kammerflimmern auslösen können 1