Homöopathie: Evidenzbasierte Bewertung
Homöopathie zeigt keine klinisch relevante Wirksamkeit über Placebo-Effekte hinaus und sollte nicht zur Behandlung medizinischer Erkrankungen empfohlen werden.
Evidenz aus aktuellen Leitlinien
Die European Position Paper on Rhinosinusitis and Nasal Polyps (2020) klassifiziert Homöopathie explizit als Medikation ohne nachgewiesenen Nutzen bei der Behandlung akuter Rhinosinusitis 1.
Atemwegsinfektionen bei Kindern
- Eine systematische Übersicht von Hawke analysierte 8 randomisierte kontrollierte Studien mit 1562 Kindern und fand keinen signifikanten Vorteil homöopathischer Produkte gegenüber Placebo bei Infektionsrezidiven oder Heilungsraten 1.
- Es existieren keine vergleichbaren Studien für Erwachsene mit Atemwegsinfektionen 1.
- Eine einzelne Studie zu Sinfrontal bei akuter postviraler Rhinosinusitis zeigte zwar symptomatische Verbesserungen, aber diese Ergebnisse wurden nicht reproduziert 1.
Chronische Rhinosinusitis
Die EPOS2020-Leitlinie konnte keine randomisierten kontrollierten Studien zur Homöopathie bei chronischer Rhinosinusitis nach 1990 finden und kann daher keine Empfehlung für deren Einsatz aussprechen 1.
Asthma
Die British Guideline on the Management of Asthma (2003) identifizierte nur drei methodologisch solide Studien 1:
- Erste Studie (24 Patienten): Verbesserung der Symptomscores und FVC, aber keine Wirkung auf FEV1 oder bronchiale Reaktivität 1.
- Zweite Studie: Verbesserungen sowohl in aktiven als auch Placebo-Gruppen 1.
- Dritte Studie: Schlecht dokumentiert, zeigte Lungenfunktionsverbesserung 1.
- Fazit: Unzureichende Evidenz für einen Wert der Homöopathie bei Asthma 1.
Hochwertige Forschungsevidenz
Systematische Analyse placebo-kontrollierter Studien
Eine wegweisende Lancet-Studie (2005) analysierte 110 homöopathische Studien und 110 konventionelle Medizinstudien 2:
- Bei Beschränkung auf große, qualitativ hochwertige Studien war die Odds Ratio für Homöopathie 0,88 (95% CI 0,65-1,19) – statistisch nicht signifikant 2.
- Für konventionelle Medizin: 0,58 (0,39-0,85) – statistisch signifikant 2.
- Schlussfolgerung: Schwache Evidenz für spezifische Effekte der Homöopathie, aber starke Evidenz für konventionelle Interventionen 2.
- Die klinischen Effekte der Homöopathie sind mit Placebo-Effekten vereinbar 2.
Dermatologie
Eine systematische Übersicht (2011) zu homöopathischen Behandlungen bei Hauterkrankungen fand 3:
- Von 12 interpretierbaren Studien zeigten 9 Studien keine positiven Effekte 3.
- Die 3 Studien mit positivem Ergebnis waren von niedriger methodologischer Qualität 3.
- Keine ausreichende Evidenz für Wirksamkeit bei irgendeiner dermatologischen Erkrankung 3.
Mechanismus und Plausibilität
Eine systematische Übersicht (2019) zur Reinterpretation der Homöopathie im Licht von Placebo-Effekten analysierte 61 systematische Reviews und Meta-Analysen 4:
- Homöopathie-Wirksamkeit ist vergleichbar mit Placebo 4.
- Open-Label-Placebo-Behandlungen können bei einigen Gesundheitszuständen wirksam sein 4.
- Homöopathie als Ganzes kann als Placebo-Behandlung betrachtet werden 4.
Klinische Empfehlung
Verwenden Sie keine Homöopathie zur Behandlung medizinischer Erkrankungen. Stattdessen:
- Bei akuten Atemwegsinfektionen: Symptomatische Behandlung mit evidenzbasierten Optionen wie Zink (≥75 mg/Tag innerhalb 24 Stunden nach Symptombeginn) 1.
- Bei chronischer Rhinosinusitis: Nasale Kochsalzspülungen, topische Kortikosteroide 1.
- Bei Asthma: Inhalative Bronchodilatatoren und entzündungshemmende Medikamente 1.
Wichtige Fallstricke
- Verzögerung wirksamer Behandlung: Patienten, die ausschließlich Homöopathie verwenden, riskieren Progression behandelbarer Erkrankungen 1.
- Patientenerwartungen: Die wahrgenommene Wirksamkeit basiert auf Beratung und emotionaler Betreuung, nicht auf objektiven Therapieeffekten 5.
- Ressourcenverschwendung: Zeit und Geld werden für unwirksame Behandlungen aufgewendet 2.