Schüssler Salze: Keine Evidenz für medizinische Wirksamkeit
Schüssler Salze sollten nicht zur Behandlung medizinischer Erkrankungen empfohlen werden, da keine wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit vorliegt und sie lediglich auf historischen, nicht-wissenschaftlichen Konzepten basieren.
Historischer Hintergrund ohne wissenschaftliche Grundlage
- Schüssler Salze wurden im 19. Jahrhundert von Wilhelm Heinrich Schüssler (1821-1898) als "Biochemie"-Heilsystem entwickelt, das ursprünglich als Mineralstoff-Substitutionstherapie konzipiert war 1
- Das System basierte auf physiologischen Überlegungen von Jakob Moleschott und Justus von Liebig, die zwar für die Entwicklung der wissenschaftlichen Biochemie fundamental waren, aber Schüssler selbst führte zunehmend immaterielle oder "biodynamische" Erklärungen für die therapeutische Wirkung ein 1
- Diese "biodynamischen" Ansätze wurden von seinen Nachfolgern wie Dietrich Schöpwinkel weiter ausgebaut, wobei neue Präparate und theoretische Aspekte hinzugefügt wurden, die stark mit dem dynamischen Ansatz der Homöopathie verbunden waren 1
Fehlende klinische Evidenz
- In der systematischen Durchsicht medizinischer Leitlinien und Forschungsevidenz findet sich keine einzige hochwertige Studie, die die Wirksamkeit von Schüssler Salzen bei irgendeiner medizinischen Indikation belegt
- Die einzige Erwähnung homöopathischer Ansätze in den vorliegenden Leitlinien betrifft akute postvirale Rhinosinusitis, wo eine einzelne kleine Studie zu einem homöopathischen Präparat (Sinfrontal) eine Symptomreduktion zeigte, aber die EPOS2020-Leitliniengruppe aufgrund der sehr begrenzten Evidenz keine klare Empfehlung aussprechen konnte 2
Wichtige Abgrenzung zu evidenzbasierten Salzpräparaten
Schüssler Salze dürfen nicht mit kaliumangereicherten Salz-Substituten verwechselt werden, die in modernen Leitlinien für spezifische Indikationen empfohlen werden:
- Kaliumangereicherte Salz-Substitute (75% NaCl, 25% KCl) werden von der European Society of Hypertension (2023) zur Blutdrucksenkung und Reduktion kardiovaskulärer Risiken bei Hypertonikern empfohlen 2
- Diese Empfehlung basiert auf robusten randomisierten kontrollierten Studien wie der SSASS-Studie mit über 20.000 Teilnehmern, die signifikante Reduktionen von Schlaganfall, kardiovaskulären Ereignissen und Mortalität zeigte 2, 3
- Solche evidenzbasierten Salz-Substitute haben nichts mit dem homöopathischen Konzept der Schüssler Salze zu tun und basieren auf völlig anderen pharmakologischen Prinzipien
Klinische Empfehlung
- Bei Patienten, die nach Schüssler Salzen fragen, sollte eine ausführliche Aufklärung über die fehlende wissenschaftliche Evidenz erfolgen
- Stattdessen sollten evidenzbasierte Therapien für die jeweilige Erkrankung angeboten werden
- Falls Patienten auf komplementäre Ansätze bestehen, sollte zumindest sichergestellt werden, dass keine Verzögerung notwendiger konventioneller Behandlungen eintritt
- Die Verwendung von Schüssler Salzen kann als Placebo toleriert werden, sofern keine aktive Erkrankung vorliegt, die eine spezifische Behandlung erfordert, und der Patient über die fehlende Evidenz informiert wurde
Wichtige Warnung
- Bei ernsthaften Erkrankungen (Hypertonie, Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen, Infektionen) darf die Verwendung von Schüssler Salzen niemals evidenzbasierte Therapien ersetzen oder verzögern, da dies zu erheblicher Morbidität und Mortalität führen kann