Evidenz der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
Die TCM wird zunehmend als integrative oder komplementäre Therapie eingesetzt und ist gut verträglich mit geringem Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen, jedoch bleibt die Evidenz für ihre Wirksamkeit größtenteils nicht schlüssig und von niedriger bis sehr niedriger Qualität. 1, 2
Aktueller Evidenzstand
Qualität der verfügbaren Evidenz
Die systematische Bewertung von 104 Cochrane-Reviews zur TCM zeigt erhebliche Evidenzlücken:
- Nur 5 von 104 Reviews kamen zu insgesamt positiven Schlussfolgerungen, während 42 Reviews die Evidenz als unzureichend bewerteten und 54 keine eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen konnten 2
- Bei GRADE-Bewertungen wurde die Evidenzqualität überwiegend als niedrig oder sehr niedrig eingestuft 2
- 49% der Cochrane-Reviews zur TCM waren laut AMSTAR 2 von niedriger methodologischer Qualität 2
Spezifische TCM-Interventionen
Akupunktur:
- Akupunktur zeigt Evidenz für Wirksamkeit über die Schmerztherapie und Allergiebehandlung hinaus 3
- Sie ist gut verträglich mit geringem Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen 1
- fMRT-Studien haben zum besseren Verständnis der Wirkmechanismen beigetragen 3
Chinesische Kräutermedizin:
- Meta-Analysen bestätigen die Wirksamkeit in einigen Bereichen, jedoch besteht erheblicher weiterer Forschungsbedarf 3
- Möglichkeiten für neue Arzneimittel bei Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Stoffwechselerkrankungen, dermatologischen und gastrointestinalen Erkrankungen 3
Methodologische Herausforderungen
Probleme bei der Evidenzgenerierung
Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) in der TCM:
- Die RCT-Methodik ist nicht frei von Verzerrungen, und die einzigartigen Merkmale der TCM (wie Individualisierung und Holismus) erschweren die effektive Durchführung von RCTs zusätzlich 4
- Daten aus begrenzten RCTs und systematischen Reviews müssen mit großer Vorsicht interpretiert werden 4
- Es fehlt häufig die Übereinstimmung zwischen den gestellten Fragen und den verfügbaren Ergebnissen – nur 16 von 104 Cochrane-Reviews erhielten Ergebnisse für alle im Methodenteil aufgeführten Endpunkte 2
Berichterstattungsstandards
Die RIGHT-TCM-Erweiterung (2020) wurde entwickelt, um die Berichterstattungsqualität von TCM-Leitlinien zu verbessern:
- Sieben starke Empfehlungs-Unterelemente wurden zum RIGHT-Statement hinzugefügt 1
- Wichtige Berichtselemente umfassen: Syndromdifferenzierung, detaillierte Beschreibung von Kräuterabkochungen, Verabreichungswege und -häufigkeit, sowie spezifische Akupunkturpunkte 1
Klinische Anwendung: COVID-19 als Beispiel
Die Integration von TCM und westlicher Medizin bei schwerem COVID-19 zeigt das Potenzial, aber auch die Grenzen:
Starke Empfehlungen (moderate Evidenzqualität):
- TCM-Behandlung basierend auf Syndromdifferenzierung kann Nebenwirkungen reduzieren, indem die Anwendungszeit und Gesamtdosis anderer Medikamente (wie Virostatika oder Kortikosteroide) verkürzt wird 1
- Für Komplikationen des Verdauungssystems können TCM-Abkochungen basierend auf Syndromdifferenzierung wirksamer sein als chinesische Patentarzneimittel 1
Schwache Empfehlungen (niedrige Evidenzqualität):
- Die meisten TCM-Empfehlungen für COVID-19 basieren auf Konsens oder niedriger Evidenzqualität 1
Wichtige Einschränkungen und Fallstricke
Kritische Bedenken
Wissenschaftliche Grundlagen:
- Die grundlegenden TCM-Konzepte wie Qi, Meridiane, Puls- und Zungendiagnostik haben keine ausreichende faktische Grundlage nach modernen wissenschaftlichen Standards 5
- Fehlinformationen über die therapeutische Wirksamkeit tierischer Substanzen führen zu Problemen beim Artenschutz und bei der Tierethik 5
Forschungsqualität:
- Die wissenschaftliche Literatur zur TCM entspricht häufig nicht den aktuellen Standards für evidenzbasierte Forschung gemäß Good Scientific Practice und Good Clinical Practice-Richtlinien 5
- Es ist entscheidend, in der zukünftigen TCM-Forschung Qualität über Quantität zu betonen 2
Praktische Überlegungen
Sicherheit:
- TCM ist im Allgemeinen gut verträglich mit geringem Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen 1
- Eine gründliche Ausbildung der Ärzte ist unerlässlich für eine integrative, kritische Anwendung in der TCM-Praxis 3
- Weitere Institutionalisierung ist notwendig, um Orientierung und Patientensicherheit zu gewährleisten 3
Klinische Entscheidungsfindung:
- Trotz der weit verbreiteten Anwendung von TCM bleiben die Evidenzen für ihre Wirksamkeit weitgehend nicht schlüssig 2
- Rigorose, qualitativ hochwertige Studien sind erforderlich, um hochwertige Reviews zu unterstützen und die Evidenzbasis zu erweitern 2
- Bis eine neue und spezifische Methodik entwickelt wird, die diese methodologischen Herausforderungen für RCTs in der TCM angemessen adressieren kann, haben Evidenzen aus qualitativ hochwertigen RCTs und systematischen Reviews weiterhin die Glaubwürdigkeit der TCM in der wissenschaftlichen Gemeinschaft 4
Zukunftsperspektiven
Potenzial für die Arzneimittelentwicklung:
- Die (Wieder-)Entdeckung von Artemisinin vor über 50 Jahren führte zu einer neuartigen Entwicklung in der TCM: der Vermischung von östlicher und westlicher Medizin 5
- Altes Wissen über Kräuterarten und Zubereitungen kann als mögliche Schatzkiste dienen, wenn es mit rigorosen wissenschaftlichen Ansätzen kombiniert wird 5
Notwendige Entwicklungen: