Bluttransfusion: Indikationen und Schwellenwerte
Bei hämodynamisch stabilen, hospitalisierten Patienten sollte eine restriktive Transfusionsstrategie mit einem Hämoglobin-Schwellenwert von 7 g/dL angewendet werden. 1, 2
Allgemeine Transfusionsschwellenwerte
Stabile hospitalisierte Patienten
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL für die meisten hämodynamisch stabilen Patienten 1, 3, 2
- Diese restriktive Strategie reduziert die Exposition gegenüber Blutprodukten um etwa 40% ohne Erhöhung der Mortalität 3
- Die Evidenz basiert auf hochqualitativen Studien (TRICC-Studie) mit starker Empfehlung 1
Postoperative Patienten
- Transfusion bei Hämoglobin < 8 g/dL für postoperative Patienten, insbesondere nach orthopädischen und kardiochirurgischen Eingriffen 1, 3, 2
- Die FOCUS-Studie zeigte keine Unterschiede in funktioneller Erholung oder Mortalität bei diesem Schwellenwert 1
Pädiatrische Patienten
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL für kritisch kranke Kinder ohne Hämoglobinopathie oder zyanotische Herzerkrankung 2
- Bei angeborenen Herzfehlern: 7 g/dL (biventrikuläre Korrektur), 9 g/dL (Single-Ventricle-Palliation), oder 7-9 g/dL (unkorrigierte Herzfehler) 2
Spezielle Patientenpopulationen
Kardiovaskuläre Erkrankungen
- Transfusion bei Hämoglobin ≤ 8 g/dL oder bei Symptomen für Patienten mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung 1
- 63% der Patienten in der FOCUS-Studie hatten koronare Herzkrankheit oder kardiovaskuläre Erkrankungen ohne erhöhte Mortalität bei restriktiver Strategie 1
- Die TRICC-Studie zeigte bei Patienten mit ischämischer Herzkrankheit einen Trend zu erhöhter Mortalität in der restriktiven Gruppe, jedoch waren die Gesamtmortalitätsraten identisch 1
Akutes Koronarsyndrom
- Keine klare Empfehlung möglich - es existieren keine randomisierten kontrollierten Studien für diese Population 1
- Beobachtungsstudien zeigen widersprüchliche Ergebnisse, aber diese sind durch unkontrollierte Störfaktoren limitiert 1
- Transfusion kann bei Hämoglobin < 8 g/dL bei Aufnahme vorteilhaft sein 1
- Bei hämodynamisch stabilen Patienten mit ACS: Transfusion nur bei Hämoglobin < 7 g/dL oder Hämatokrit < 25% 1
Hämatologische und onkologische Erkrankungen
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL wird vorgeschlagen (schwache Empfehlung, niedrige Evidenzqualität) 2
- Transfusion ist selten indiziert bei Hämoglobin > 10 g/dL 1
- Bei Chemotherapie-induzierter Anämie: restriktive Strategie mit Ziel-Hämoglobin 7-9 g/dL 1
Symptombasierte Transfusionsindikationen
Transfusion unabhängig vom Hämoglobinwert bei folgenden Symptomen: 1, 3
- Thoraxschmerz kardialen Ursprungs 1, 3
- Orthostatische Hypotonie, die nicht auf Flüssigkeitsreanimation anspricht 1, 3
- Tachykardie, die nicht auf Flüssigkeitsreanimation anspricht 1, 3
- Herzinsuffizienz 1, 3
- Zeichen der Endorganischämie 3
Absolute Indikationen
Akute Situationen
- Hämorrhagischer Schock - sofortige Transfusion indiziert 1, 4
- Akuter Blutverlust > 30% des Blutvolumens - Transfusion indiziert 4
- Akute Blutung mit hämodynamischer Instabilität - Transfusion kann indiziert sein 1
Spezifische Erkrankungen
- Symptomatische Anämie (Dyspnoe, Schwindel, Herzinsuffizienz, verminderte Belastungstoleranz) 4
- Akute Sichelzellkrise 4
Transfusionspraxis
Einzeltransfusionen
- Transfusion einzelner Einheiten bei Abwesenheit akuter Blutung, dann Reevaluation vor weiteren Einheiten 1, 3
- Dieser Ansatz verhindert Übertransfusion und reduziert Komplikationen 3
Wichtige Warnhinweise
- Niemals systematisch transfundieren bei Hämoglobin > 10 g/dL - erhöhtes Risiko für nosokomiale Infektionen, Multiorganversagen, TRALI und Volumenüberlastung 3
- Hämoglobin niemals als alleiniger Trigger verwenden - klinischer Kontext ist obligatorisch 1, 3
- Transfusionsentscheidungen müssen Symptome und Hämoglobinkonzentration berücksichtigen 1
Vor der Transfusion
- Kreuzprobe zur Bestätigung der ABO-Kompatibilität erforderlich 1
- Prämedikation (Paracetamol oder Antihistaminikum) selten erforderlich, außer bei geplanten Langzeittransfusionen 1
- Bei wiederholten Transfusionen: leukozytenreduziertes Blut und Prämedikation zur Minimierung von Transfusionsreaktionen 1
Transfusionsrisiken
Häufigste Komplikationen
- Bakterielle Kontamination (häufigste tödliche Ursache bei Thrombozytentransfusionen) 1
- Transfusionsassoziierte akute Lungeninsuffizienz (TRALI) - tritt 1-2 Stunden nach Transfusion auf, maximale Symptomatik innerhalb 6 Stunden 1
- Febrile nichthämolytische Transfusionsreaktionen (häufigste Nebenwirkung) 1
Thromboembolische Risiken
- Erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien (OR 1,60) bei Krebspatienten 1
- Erhöhtes Risiko für arterielle Thromboembolien (OR 1,53) bei Krebspatienten 1
- Erhöhte Mortalität (OR 1,34) assoziiert mit Transfusionen bei Krebspatienten 1
Infektiöse Risiken (sehr selten)
- HIV: 1:1.467.000 transfundierte Komponenten 1
- HCV: 1:1.149.000 transfundierte Komponenten 1
- HBV: 1:282.000 bis 1:357.000 transfundierte Komponenten 1
Spezielle Überlegungen
Kritisch kranke Patienten
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL für Patienten mit mechanischer Beatmung 1
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL für reanimierte kritisch kranke Traumapatienten 1
- Transfusion bei Hämoglobin < 7 g/dL für kritisch kranke Patienten mit stabiler Herzerkrankung 1
COVID-19-Pandemie
- Bei Blutproduktknappheit: schrittweise restriktivere Schwellenwerte anwenden 1
- Prophylaktische Thrombozytentransfusionen nur bei < 10.000/µL 1
- Intervalle zwischen Transfusionsepisoden verlängern und Anzahl der Einheiten pro Episode erhöhen 1