Prävention der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie
Es gibt derzeit keine etablierten medikamentösen Wirkstoffe, die zur Prävention der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN) empfohlen werden können. 1, 2
Risikobewertung vor Chemotherapie-Beginn
Vor Beginn einer neurotoxischen Chemotherapie sollten Sie folgende Risikofaktoren systematisch erfassen: 1
- Vorbestehende Neuropathie jeglicher Ursache
- Diabetes mellitus
- Familien- oder Eigenanamnese hereditärer Neuropathien
- Kumulative Dosis neurotoxischer Substanzen (Platinverbindungen, Taxane, Vinca-Alkaloide, Bortezomib, Thalidomid) 2, 3
Diese Bewertung ermöglicht eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung der geplanten Chemotherapie. 1
Wirkstoffe, die NICHT zur Prävention eingesetzt werden sollten
Die ASCO-Leitlinien empfehlen ausdrücklich, folgende Substanzen NICHT zur CIPN-Prävention anzubieten: 1
- Acetyl-L-Carnitin (starke Empfehlung gegen die Anwendung - Schaden überwiegt Nutzen) 1
- Amifostin
- Amitriptylin
- Calcium/Magnesium
- Cannabinoide
- Gabapentin/Pregabalin
- Glutathion (bei Paclitaxel/Carboplatin)
- Metformin
- Vitamin-B-Komplex 2
Interventionen ohne ausreichende Evidenz
Für folgende Maßnahmen kann außerhalb klinischer Studien keine Empfehlung ausgesprochen werden, obwohl vorläufige Daten auf einen möglichen Nutzen hindeuten: 1
- Akupunktur
- Kryotherapie (Kühlung von Händen/Füßen)
- Kompressionstherapie
- Bewegungstherapie
- Gangliosid-Monosialinsäure (GM-1)
Die ASCO betont, dass größere definitive Studien erforderlich sind, um Wirksamkeit zu bestätigen und Risiken zu klären. 1 Die vorhandenen Studien zur Kryotherapie zeigen gemischte Ergebnisse mit hohen Abbruchraten (bis 60%) aufgrund von Patientenbeschwerden. 1
Praktisches Vorgehen während der Chemotherapie
Bei Auftreten von intoleranter Neuropathie oder funktioneller Nervenbeeinträchtigung sollten Sie folgende Maßnahmen erwägen: 1
- Dosisreduktion der neurotoxischen Substanz
- Verzögerung der nächsten Chemotherapie-Gabe
- Umstellung auf nicht-neurotoxische Alternativen
- Komplette Beendigung der Chemotherapie
Diese Entscheidung muss gegen den onkologischen Nutzen der Weiterbehandlung abgewogen werden und sollte mit dem Patienten besprochen werden. 1
Wichtige Fallstricke
Vermeiden Sie folgende häufige Fehler:
- Prophylaktische Gabe von Gabapentin/Pregabalin - diese sind unwirksam zur Prävention 1
- Einsatz von Acetyl-L-Carnitin - kann die Neuropathie verschlimmern 1
- Verzicht auf Risikobewertung vor Therapiebeginn - dadurch werden Hochrisikopatienten nicht identifiziert 1
Behandlung etablierter CIPN
Falls bereits eine schmerzhafte CIPN aufgetreten ist, ist Duloxetin das einzige Medikament mit ausreichender Evidenz: 1, 2