Differentialdiagnose: Parasitäre Infektion als wahrscheinlichste Ursache
Bei einem Patienten mit 5kg Gewichtsverlust über 4 Wochen, intermittierender breiiger Diarrhoe, Leukozytose mit Eosinophilie und CRP-Erhöhung sollte primär an eine parasitäre Infektion gedacht werden, insbesondere Schistosomiasis, Strongyloidiasis oder Ascariasis, wenn eine entsprechende Reiseanamnese vorliegt. 1
Primäre Differentialdiagnosen nach Wahrscheinlichkeit
1. Parasitäre Infektionen (höchste Priorität bei Eosinophilie)
Schistosomiasis (Bilharziose) ist die wahrscheinlichste Diagnose bei dieser Konstellation:
- Intestinale Schistosomiasis manifestiert sich mit chronischen oder intermittierenden Bauchschmerzen, Gewichtsverlust und Diarrhoe 1
- Sehr schwere Infektionen können sich als dysenterische Erkrankung präsentieren 1
- Die Eosinophilie ist charakteristisch für die Migrationsphase der Parasiten 1
- Diagnostik: Serologie (positiv nach 4-8 Wochen), konzentrierte Stuhlmikroskopie, Koloskopie mit Biopsie 1
- Therapie: Praziquantel 40 mg/kg als Einzeldosis für S. mansoni 1
Strongyloidiasis muss dringend ausgeschlossen werden:
- Kann chronische Diarrhoe, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust verursachen 1
- Eosinophilie ist typisch, außer bei Hyperinfektionssyndrom 1
- Diagnostik: Serologie (Speziallabor), konzentrierte Stuhlmikroskopie, Stuhl-PCR 1
- Cave: Bei Immunsuppression droht lebensbedrohliches Hyperinfektionssyndrom 1
Ascariasis als weitere Möglichkeit:
- Verursacht Bauchschmerzen, Diarrhoe und gelegentlich gastrointestinale Obstruktion 1
- Diagnostik: Konzentrierte Stuhlmikroskopie auf Eier 1
- Therapie: Albendazol 400 mg als Einzeldosis 1
2. Eosinophile Gastroenteritis
Eosinophile Gastroenteritis ist eine wichtige nicht-infektiöse Differentialdiagnose:
- Präsentiert sich mit Bauchschmerzen, Gewichtsverlust, Diarrhoe und peripherer Eosinophilie 1, 2, 3
- Oft Assoziation mit Atopie und multiplen Allergien 1
- 10-50% der Erwachsenen zeigen erhöhte periphere Eosinophilenzahlen (meist 2-fach erhöht) 1
- Diagnostik: Endoskopie mit Biopsien zeigt massive eosinophile Infiltration (>30 Eosinophile pro Gesichtsfeld) 1, 4
- Therapie: Glukokortikosteroide sind Erstlinientherapie, diätetische Therapie bei Nahrungsmittelallergie 1, 2, 3
3. Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Morbus Crohn sollte in Betracht gezogen werden:
- Kann mit Diarrhoe, Fieber, Gewichtsverlust und erhöhten Entzündungsparametern (CRP, BSG) einhergehen 1
- Eosinophilie ist möglich, aber nicht typisch 1
- Diagnostik: Koloskopie mit Biopsien, Fäkalkalprotektin, Bildgebung 1, 5
Colitis ulcerosa ist weniger wahrscheinlich:
- Typischerweise blutige Diarrhoe, nicht primär breiige Diarrhoe 6
- Eosinophilie ist nicht charakteristisch 6
4. Weitere Differentialdiagnosen
Tropische Sprue bei Reiseanamnese in endemische Gebiete:
- Diarrhoe, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust mit Vitamin-B12- und Folatmangel 1
- Histologie zeigt erhöhte Plasmazellen und Eosinophile in der Lamina propria 1
- Therapie: Tetracyclin oder Doxycyclin plus Folsäure 1
Giardiasis als parasitäre Ursache ohne typische Eosinophilie:
Diagnostisches Vorgehen (algorithmisch)
Schritt 1: Reise- und Expositionsanamnese (sofort)
- Detaillierte Reiseanamnese der letzten 6-12 Monate (Schistosomiasis-Inkubationszeit 2-8 Wochen) 1
- Süßwasserkontakt in Endemiegebieten (Afrika, Südamerika, Asien) 1
- Barfußlaufen in tropischen/subtropischen Regionen (Hakenwurm, Strongyloides) 1
Schritt 2: Initiale Labordiagnostik (innerhalb 1-2 Tagen)
- Stuhluntersuchungen (3 Proben an verschiedenen Tagen): 1
- Serologie für Parasiten (Speziallabor): 1
- Schistosomiasis-Serologie
- Strongyloides-Serologie
- Weitere Parasiten je nach Reiseanamnese
- Blutuntersuchungen: 5, 7
- Differentialblutbild mit absoluter Eosinophilenzahl
- CRP, BSG
- Albumin (Hinweis auf Schweregrad)
- Leberwerte, Nierenwerte
- Vitamin B12, Folat, Eisen
Schritt 3: Endoskopische Abklärung (innerhalb 2-4 Wochen)
- Koloskopie mit Biopsien ist obligat bei: 5, 7
- Gewichtsverlust als Alarmsymptom
- Erhöhtem CRP
- Ausschluss von Malignität und chronisch-entzündlicher Darmerkrankung
- Biopsien auch bei makroskopisch normaler Mukosa: 5, 7
- Mikroskopische Kolitis kann nur histologisch diagnostiziert werden
- Eosinophile Gastroenteritis erfordert Gewebeprobe
Schritt 4: Spezifische Therapie basierend auf Diagnose
Bei parasitärer Infektion (wahrscheinlichste Diagnose):
- Schistosomiasis: Praziquantel 40-60 mg/kg 1
- Strongyloidiasis: Ivermectin 200 μg/kg für 1-2 Tage 1
- Ascariasis: Albendazol 400 mg Einzeldosis 1
Bei eosinophiler Gastroenteritis:
- Glukokortikosteroide (z.B. Prednison 20-40 mg/Tag für 2-4 Wochen) 2, 3, 8
- Diätetische Elimination bei Nahrungsmittelallergie 1, 4
Kritische Fallstricke und Warnhinweise
Niemals Strongyloidiasis übersehen:
- Bei geplanter Immunsuppression (z.B. Steroide für andere Indikationen) droht lebensbedrohliches Hyperinfektionssyndrom 1
- Serologie ist sensitiver als Stuhlmikroskopie 1
Stuhlmikroskopie hat geringe Sensitivität:
- Mindestens 3 Stuhlproben an verschiedenen Tagen erforderlich 1
- Negative Stuhlmikroskopie schließt Parasiten nicht aus 1
- Serologie und PCR sind sensitiver 1
Nicht als Reizdarmsyndrom fehldiagnostizieren:
- Gewichtsverlust ist Ausschlusskriterium für funktionelle Störungen 5, 7
- Eosinophilie spricht gegen funktionelle Erkrankung 9
Medikamentenanamnese ist essentiell:
- Medikamenteninduzierte Eosinophilie mit pulmonaler Beteiligung ist häufig 1
- Olmesartan kann Enteropathie verursachen 1
Periphere Eosinophilie allein ist nicht diagnostisch: