Leitliniengerechte Behandlung der Insomnie
Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) ist die Erstlinienbehandlung für alle Erwachsenen mit chronischer Insomnie und muss vor oder gleichzeitig mit jeder medikamentösen Therapie eingeleitet werden. 1, 2, 3
Erstlinientherapie: Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I)
Die American Academy of Sleep Medicine und das European Sleep Research Society empfehlen KVT-I als Standardbehandlung mit überlegener Langzeitwirksamkeit im Vergleich zu Pharmakotherapie, da die Vorteile nach Beendigung der Behandlung bestehen bleiben 1, 3.
Kernkomponenten der KVT-I umfassen: 1, 2
- Stimuluskontrolle: Bett nur zum Schlafen nutzen, Bett verlassen wenn nach ~20 Minuten kein Schlaf eintritt, konsistente Schlaf-Wach-Zeiten einhalten
- Schlafrestriktion: Zeit im Bett auf tatsächliche Schlafzeit plus 30 Minuten begrenzen
- Kognitive Umstrukturierung: Fehlangepasste Gedanken über Schlaf korrigieren
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, Atemübungen
- Schlafhygiene-Edukation: Kühles, dunkles, ruhiges Schlafzimmer; Vermeidung von Koffein, Nikotin, Alkohol am Abend
KVT-I kann in verschiedenen Formaten durchgeführt werden – Einzeltherapie, Gruppentherapie, telefonbasiert, webbasiert oder als Selbsthilfe – alle zeigen vergleichbare Wirksamkeit 1, 2.
Die Führung eines Schlaftagebuchs über 1-2 Wochen vor und während der Behandlung wird zur Verlaufskontrolle empfohlen 1.
Wichtiger Hinweis: Schlafhygiene-Edukation allein ist unzureichend für chronische Insomnie und muss mit anderen KVT-I-Komponenten kombiniert werden 1, 2, 3.
Zweitlinientherapie: Pharmakologische Optionen
Wann Medikamente in Betracht ziehen
Pharmakotherapie sollte nur angeboten werden, wenn KVT-I nach 4-8 Wochen nicht ausreichend wirksam ist oder nicht verfügbar ist 1, 2.
Medikamente sollten immer zusätzlich zu – nicht anstelle von – KVT-I eingesetzt werden 1, 2.
Empfohlene Medikamente nach Symptommuster
- Zolpidem 10 mg (5 mg bei älteren Erwachsenen ≥65 Jahre)
- Zaleplon 10 mg (5 mg bei älteren Erwachsenen)
- Ramelteon 8 mg (keine Abhängigkeitsgefahr, geeignet bei Substanzmissbrauch in der Anamnese)
Für Durchschlafstörungen: 1, 2
- Niedrig dosiertes Doxepin 3-6 mg (bevorzugte Option: reduziert nächtliches Erwachen um 22-23 Minuten, minimale anticholinerge Effekte, kein Abhängigkeitspotenzial)
- Suvorexant 10 mg (Orexin-Rezeptor-Antagonist)
Für kombinierte Ein- und Durchschlafstörungen: 1, 2
- Eszopiclone 2-3 mg (1 mg Startdosis bei älteren Erwachsenen)
- Zolpidem retard 10 mg (5 mg bei älteren Erwachsenen)
Neuere Orexin-Rezeptor-Antagonisten: 3
- Daridorexant kann für Zeiträume bis zu 3 Monaten oder länger verwendet werden
Dosierung und Behandlungsdauer
Beginnen Sie mit der niedrigsten wirksamen Dosis für die kürzeste notwendige Dauer (4-5 Wochen) 1, 2.
Die FDA hat pharmakologische Therapie nur für Kurzzeit-Anwendung (≤4 Wochen) zugelassen 1, 2.
Bei älteren Erwachsenen (≥65 Jahre) sind Dosisreduktionen obligatorisch: Zolpidem maximal 5 mg, Eszopiclone maximal 2 mg 1, 2.
Regelmäßige Neubewertung nach 1-2 Wochen ist erforderlich zur Beurteilung von Wirksamkeit, Nebenwirkungen und fortbestehendem Bedarf 1, 2.
Medikamente, die NICHT empfohlen werden
Folgende Substanzen sollten vermieden werden: 1, 2, 3
- Trazodone: Nur minimaler Nutzen (10 Minuten Reduktion der Einschlaflatenz), keine Verbesserung der subjektiven Schlafqualität, Nebenwirkungen überwiegen Vorteile
- Antihistaminika (z.B. Diphenhydramin): Fehlende Wirksamkeitsdaten, anticholinerge Nebenwirkungen, Toleranzentwicklung nach 3-4 Tagen
- Antipsychotika (z.B. Quetiapin, Olanzapin): Schwache Evidenz, erhebliche Risiken (Gewichtszunahme, metabolische Störungen, extrapyramidale Symptome)
- Traditionelle Benzodiazepine (z.B. Lorazepam, Diazepam): Lange Halbwertszeiten führen zu Kumulation, Tagessedierung, erhöhtes Sturz- und Demenzrisiko
- Melatonin-Präparate: Nur 9 Minuten Reduktion der Einschlaflatenz, unzureichende Evidenz
- Pflanzliche Präparate (z.B. Baldrian): Unzureichende Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten
Behandlungsalgorithmus
Sofortige Einleitung von KVT-I bei allen Patienten mit chronischer Insomnie – alle Komponenten implementieren und mindestens 4-8 Wochen fortführen 1, 2.
Falls KVT-I nach adäquatem Versuch unzureichend ist, pharmakologische Optionen basierend auf Symptommuster hinzufügen: 1, 2
- Einschlafstörung → Zaleplon, Ramelteon oder Zolpidem
- Durchschlafstörung → Niedrig dosiertes Doxepin oder Suvorexant
- Kombinierte Störung → Eszopiclone oder Zolpidem retard
Bei Versagen des ersten Medikaments nach 1-2 Wochen zu einem alternativen Wirkstoff derselben Klasse wechseln 1, 2.
Bei Komorbiditäten (Depression/Angst) sedierende Antidepressiva in Betracht ziehen (z.B. Mirtazapin), während KVT-I fortgeführt wird 1, 2.
Regelmäßige Überwachung und Planung der schrittweisen Dosisreduktion, sobald die Bedingungen es erlauben – KVT-I erleichtert das Absetzen von Medikamenten 1, 2.
Wichtige Sicherheitsüberlegungen
Alle Hypnotika bergen Risiken: Tagesmüdigkeit, komplexe Schlafverhaltensweisen (Schlafwandeln, "Schlaf-Autofahren"), Stürze, Frakturen, kognitive Beeinträchtigung 1, 2.
Medikamente sofort absetzen, wenn komplexe Schlafverhaltensweisen auftreten 1, 2.
Benzodiazepine sollten bei Patienten mit Substanzmissbrauch in der Anamnese vermieden werden 1.
Bei älteren Patienten sind niedrig dosiertes Doxepin (3 mg) und Ramelteon (8 mg) die sichersten Optionen aufgrund minimaler Sturz- und kognitiver Beeinträchtigungsrisiken 1, 2.
Häufige Fehler, die vermieden werden sollten
Pharmakotherapie ohne vorherige oder gleichzeitige KVT-I beginnen – verhaltenstherapeutische Interventionen bieten dauerhaftere Vorteile 1, 2.
Mehrere sedierende Substanzen kombinieren – erhöht massiv das Risiko für Atemdepression, kognitive Beeinträchtigung und Stürze 1, 2.
Langzeit-Pharmakotherapie ohne regelmäßige Neubewertung fortsetzen – alle 2-4 Wochen Wirksamkeit und Nebenwirkungen überprüfen 1, 2.
Medikamente verschreiben, die nicht zum Schlafstörungsmuster passen – z.B. Zaleplon bei Durchschlafstörungen statt Einschlafstörungen verwenden 1, 2.
Bei älteren Erwachsenen Erwachsenendosierungen verwenden – altersangepasste Dosierung ist essentiell zur Reduktion des Sturzrisikos 1, 2.