Diagnostischer Ansatz bei Dyspnoe und beidseitigen Ödemen
Bei Patienten mit Dyspnoe und beidseitigen Ödemen sollte eine systematische Abklärung erfolgen, die primär kardiale Ursachen (insbesondere Herzinsuffizienz) identifiziert, während gleichzeitig nichtkardiale Imitatoren wie Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen und Lungenerkrankungen ausgeschlossen werden müssen. 1
Initiale Basisdiagnostik
Die grundlegende diagnostische Aufarbeitung muss folgende Untersuchungen umfassen:
Anamnese - Spezifische Fragen
- Orthopnoe und paroxysmale nächtliche Dyspnoe zur Differenzierung kardialer von pulmonalen Ursachen 2
- Vorgeschichte von Hypertonie, Diabetes mellitus, Adipositas, Vorhofflimmern und koronarer Herzkrankheit als Hauptrisikofaktoren für Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) 1
- Symptomcharakteristik: akuter versus gradueller Beginn über Tage bis Wochen 3
- Raucherstatus zur Beurteilung von COPD oder interstitieller Lungenerkrankung 2
Körperliche Untersuchung - Essenzielle Befunde
- Jugularvenendistension zur Identifizierung erhöhter rechtsseitiger Füllungsdrücke 1, 2, 4
- Kardiale Auskultation auf S3-Galopp oder Herzgeräusche 1, 2
- Pulmonale Auskultation auf bibasiläre Rasselgeräusche oder Knisterrasseln 1, 2
- Perkussion auf Dämpfung als Hinweis auf Pleuraerguss 2
- Beurteilung peripherer Pulse zum Ausschluss peripherer arterieller Verschlusskrankheit 4
- Zeichen venöser Insuffizienz: Hyperpigmentierung der Haut, Höhenblässe/abhängiger Rubor 4
Labordiagnostik
- BNP oder NT-proBNP bei allen Patienten mit akuter Dyspnoe - erhöhte Werte indizieren die Notwendigkeit einer Echokardiographie 2, 5
- Nierenfunktionsparameter (Serumkreatinin, Elektrolyte) zur Beurteilung einer Nierenfunktionsstörung 4
- Urinanalyse zum Ausschluss von Proteinurie bei nephrotischem Syndrom 1
- Blutbild zum Ausschluss einer Anämie 1
- Leberfunktionsparameter (insbesondere GGT) bei Verdacht auf Leberzirrhose 6
Bildgebende Basisdiagnostik
- EKG zur Beurteilung von Rhythmus, Ischämie und Infarkt 1, 5
- Thoraxröntgen zur Beurteilung pulmonaler Stauung, Pleuraergüsse und Lungenerkrankungen 1, 5
- Pulsoxymetrie - bei SpO₂ <90% oder PaO₂ <60 mmHg weitere Abklärung erforderlich 1
Goldstandard der kardialen Funktionsbeurteilung
Die transthorakale Echokardiographie ist als "usually appropriate" eingestuft und sollte bei allen Patienten mit Dyspnoe kardialen Ursprungs durchgeführt werden. 2, 5 Sie ermöglicht die Beurteilung von:
- Linksventrikulärer Ejektionsfraktion
- Diastolischer Funktion
- Klappenanomalien
- Rechtsventrikulärer Funktion 2
Differenzialdiagnostische Überlegungen
Kardiale Ursachen
- Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) - häufigste Ursache bei älteren Patienten mit Hypertonie, Diabetes und Adipositas 1
- Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) 2
- Valvuläre Herzerkrankungen, insbesondere Aortenstenose 2
Nichtkardiale Imitatoren, die ausgeschlossen werden müssen
- Nierenversagen oder nephrotisches Syndrom 1
- Leberversagen oder Leberzirrhose - Abdomensonographie zur Beurteilung 1
- Chronische venöse Insuffizienz - Duplex-Doppler-Sonographie als initiale Bildgebung der Wahl 2, 4
- Lungenerkrankungen (COPD, interstitielle Lungenerkrankung, Cor pulmonale) - Spirometrie und arterielle Blutgasanalyse 1
- Primäre pulmonale Hypertonie 1
- Schwere Adipositas mit peripheren Ödemen 1
Erweiterte Diagnostik bei unklaren Fällen
Point-of-Care-Ultraschall (POCUS)
POCUS kann die Diagnosegenauigkeit bei Patienten mit akuter Dyspnoe verbessern, wenn es zusätzlich zum Standarddiagnostikpfad eingesetzt wird 1. Es erhöht die Sensitivität zur Detektion von:
- Herzinsuffizienz
- Pneumonie
- Lungenembolie
- Pleuraerguss
- Pneumothorax 1
Risikostratifizierung bei HFpEF-Verdacht
Der H₂FPEF-Score sollte zur Wahrscheinlichkeitsabschätzung angewendet werden, wobei ein niedriger Score die HFpEF-Diagnose nicht ausschließt 1. Bei intermediären Scores ist eine weitere Abklärung kardialer Imitatoren erforderlich, gegebenenfalls mit Überweisung zum Kardiologen oder Herzinsuffizienz-Spezialisten 1
Häufige Fallstricke
- Niemals Dyspnoe ohne Brustschmerz als nichtkardial annehmen - dies führt zu Unterdiagnosen und erhöhter Mortalität, besonders bei Frauen 5
- Unerklärte Dyspnoe allein trägt ein mehr als doppelt so hohes Mortalitätsrisiko wie typische Angina und erhöht das Risiko für plötzlichen Herztod um das Vierfache 5
- Venöse Stauung, nicht niedriges Herzzeitvolumen, ist der dominante Mechanismus der Nierenfunktionsverschlechterung und Diuretikaresistenz bei den meisten Herzinsuffizienzpatienten 4, 6
- Bei Frauen mit HFpEF treten häufiger konzentrische Remodellierung und beeinträchtigte diastolische Relaxation auf, was zu einer Unterschätzung der linksventrikulären Dysfunktion führen kann 1