Gewichtsverlust bei bekanntem Keimzelltumor
Bei einem Patienten mit bekanntem Keimzelltumor und unerklärlichem Gewichtsverlust muss sofort eine Tumorprogression ausgeschlossen werden durch Messung der Tumormarker (AFP, β-HCG, LDH) und radiologisches Restaging mittels CT-Thorax, Abdomen und Becken. 1
Sofortige diagnostische Maßnahmen
Tumormarker-Bestimmung (obligatorisch)
- AFP, β-HCG und LDH müssen unverzüglich gemessen werden, da ein Anstieg während oder nach der Behandlung auf eine Progression hinweist und sofortige Salvage-Therapie erfordert 1, 2
- Die Marker sollten direkt vor jeder geplanten Therapie gemessen werden, um falsch-positive Erhöhungen durch Tumorzellenekrose zu vermeiden 1, 3
- Ein dokumentierter Tumormarker-Anstieg während der Chemotherapie erfordert einen sofortigen Wechsel zur Salvage-Behandlung, auch wenn keine radiologische Progression vorliegt 1
Bildgebende Diagnostik
- CT-Thorax, Abdomen und Becken sind Standard für das Restaging 1
- Bei Patienten mit langsamem Marker-Abfall oder klinischen Hinweisen auf Tumorprogression sollte das radiologische Restaging früher erfolgen 1
- MRT ist nur bei Kontraindikationen für CT indiziert 1
Interpretation der Befunde und Management
Bei steigenden Tumormarkern
- Sofortiger Beginn einer Salvage-Chemotherapie ist zwingend erforderlich, selbst ohne radiologische Progression 1, 2
- Patienten mit Tumormarker-Progression während oder innerhalb von 4 Wochen nach cisplatinbasierter Erstlinientherapie haben eine sehr schlechte Prognose 1
- Standard-Salvage-Regime umfassen TIP, VeIP oder Hochdosis-Carboplatin mit Stammzellsupport 4
Bei radiologischer Progression mit fallenden Markern
- Dies deutet stark auf ein "Growing Teratoma Syndrome" hin 1
- Komplette Resektion aller Tumormanifestationen ist nach Ende der Erstlinien-Chemotherapie erforderlich 1
- Nur bei rascher radiologischer Tumorprogression sollte eine sofortige Operation vor Abschluss der Chemotherapie durchgeführt werden 1
Bei Marker-Plateau auf niedrigem Niveau
- Engmaschige Nachkontrollen in kurzen Intervallen für weiteren Abfall 1
- Alle residuellen radiologischen Läsionen sollten wenn möglich reseziert werden 1
- Salvage-Chemotherapie nur bei eindeutigem Tumormarker-Anstieg einleiten 1
Besondere klinische Szenarien
Hirnmetastasen
- Etwa 10% aller Patienten mit fortgeschrittenem Keimzelltumor entwickeln Hirnmetastasen 1
- Kurativ intendierte Chemotherapie ist bei allen Patienten mit Hirnmetastasen notwendig 1
- Kraniale Bestrahlung zusätzlich zur systemischen Chemotherapie verbessert die Gesamtprognose 1
- Patienten mit solitärer Hirnläsion bei Erstdiagnose haben eine Langzeitüberlebenswahrscheinlichkeit von 30-40% 1
Patienten in schlechtem Allgemeinzustand
- Patienten mit Karnofsky-Index <50% und ausgedehnter Leber-, Lungen- oder ZNS-Beteiligung können von einer Kurzkur dosisreduzierter Chemotherapie profitieren, bevor ein vollständiger Chemotherapiezyklus begonnen wird (z.B. 2-3 Tage Cisplatin/Etoposid) 1
- Patienten mit "schlechter" Prognose sollten ohne Verzögerung in ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden, um von optimaler interdisziplinärer Behandlung und supportiver Therapie zu profitieren 1
Häufige Fallstricke
- Niemals ineffektive Erstlinien-Chemotherapie über 4 Zyklen hinaus fortsetzen, wenn Marker steigen – sofortiger Wechsel zu Salvage-Regimen 2
- Marker können falsch erhöht sein durch Freisetzung aus nekrotischen Tumorzellen – daher immer direkt vor jedem Behandlungszyklus messen 1, 3
- Bei Seminomen sollten post-chemotherapeutische Residualmassen nicht zwingend reseziert werden, unabhängig von ihrer Größe, sondern engmaschig mit Bildgebung und Tumormarkern kontrolliert werden 1, 2
- Bei Non-Seminomen müssen alle Residualmassen >1 cm nach Chemotherapie mit normalisierten Tumormarkern reseziert werden 1, 2