Elektrophysiologische Kriterien für die Diagnose der chronisch inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP)
Die Diagnose der CIDP erfordert spezifische elektrophysiologische Kriterien, die Demyelinisierung in mindestens zwei Nerven nachweisen müssen, wobei die EFNS/PNS-Kriterien die höchste Sensitivität (81,3%) und Spezifität (96,2%) für "definitive/wahrscheinliche" CIDP bieten. 1
Hauptkriterien für den elektrophysiologischen Nachweis einer Demyelinisierung
Definitive CIDP (mindestens eines der folgenden Kriterien):
- Verlängerte distale motorische Latenz in ≥2 Nerven:
- ≥50% über dem oberen Normwert
- Reduzierte motorische Nervenleitgeschwindigkeit in ≥2 Nerven:
- ≤30% unter dem unteren Normwert
- Verlängerte F-Wellen-Latenz in ≥2 Nerven:
- ≥30% über dem oberen Normwert (oder nicht auslösbar)
- Leitungsblock oder temporale Dispersion in ≥1 motorischem Nerv:
- ≥50% Reduktion der proximalen CMAP-Amplitude im Vergleich zur distalen Stimulation
Wahrscheinliche CIDP:
- Leitungsblock in ≥1 motorischem Nerv:
- ≥30% Reduktion der proximalen CMAP-Amplitude im Vergleich zur distalen Stimulation
Mögliche CIDP:
- Wie bei definitiver CIDP, aber nur in einem Nerv nachweisbar
- Oder weniger ausgeprägte Veränderungen in mehreren Nerven
Empfohlenes elektrophysiologisches Untersuchungsprotokoll
Motorische Nervenleitungsstudien (bilateral):
- N. medianus (inkl. F-Wellen)
- N. ulnaris (inkl. F-Wellen)
- N. peroneus (inkl. F-Wellen)
- N. tibialis (inkl. F-Wellen)
Sensible Nervenleitungsstudien (bilateral):
- N. medianus
- N. ulnaris
- N. suralis
- N. radialis superficialis
Spezielle Untersuchungen:
- Stimulation an mehreren Stellen entlang des Nervenverlaufs zur Detektion von Leitungsblöcken
- Bestimmung der temporalen Dispersion der CMAP
Wichtige Hinweise zur Interpretation
- Die Sensitivität der elektrophysiologischen Kriterien steigt mit der Anzahl der untersuchten Nerven 1
- Umfangreichere Nervenleitungsstudien erhöhen die diagnostische Sensitivität auf bis zu 96,7%, reduzieren jedoch die Spezifität auf 79,3% 1
- Die AAN-Kriterien sind sehr spezifisch (100%), aber wenig sensitiv (45,7%) 1
- Bei atypischen Fällen können zusätzliche elektrophysiologische Befunde hilfreich sein:
Besonderheiten bei motorischer CIDP
- Leitungsblöcke (82%) und F-Wellen-Abnormalitäten (88%) sind besonders häufig 3
- Bei rein motorischer CIDP sind die sensiblen Nervenleitungsstudien normal 3
- Bei motorisch-prädominanter CIDP sind ≥2 sensible Nervenaktionspotentiale abnormal 3
Fallstricke und Einschränkungen
- Etwa 10% der CIDP-Patienten erfüllen nicht die strengen elektrophysiologischen Kriterien 4
- Bei klinischem Verdacht auf CIDP trotz nicht erfüllter elektrophysiologischer Kriterien kann eine Nervenbiopsie zur Diagnosesicherung erwogen werden 2
- Normale elektrophysiologische Befunde schließen eine CIDP nicht vollständig aus, besonders in frühen Krankheitsstadien
- Die Unterscheidung zwischen demyelinisierenden und axonalen Neuropathien kann in fortgeschrittenen Fällen schwierig sein
Empfehlungen für die klinische Praxis
- Umfassende elektrophysiologische Untersuchung mit mindestens 4 motorischen Nerven (bilateral) durchführen
- Bei Verdacht auf CIDP trotz nicht erfüllter Kriterien: Untersuchung auf zusätzliche elektrophysiologische Marker (A-Wellen, Verhältnis sensible Amplituden)
- Bei unklaren Befunden: Wiederholung der elektrophysiologischen Untersuchung nach 3-8 Wochen
- Bei persistierendem klinischen Verdacht und nicht-diagnostischen elektrophysiologischen Befunden: Nervenbiopsie erwägen
Die elektrophysiologischen Kriterien sind ein wesentlicher Bestandteil der CIDP-Diagnostik, müssen jedoch immer im klinischen Kontext interpretiert werden.