Behandlungsansätze für orthopädische Erkrankungen und Verletzungen
Bei orthopädischen Erkrankungen wie posttraumatischen Fehlstellungen, Infektionen nach Osteosynthesen und Prothesen sowie Frakturen ist ein systematischer chirurgischer Ansatz mit adäquater antimikrobieller Therapie entscheidend für die erfolgreiche Behandlung und Vermeidung von Morbidität und Mortalität. 1
Infektionen nach Osteosynthesen (Fraktur-assoziierte Infektionen)
Diagnostisches Vorgehen
- Klinische Zeichen: Fistelgang, persistierende Wundsekretion, akute Schmerzen
- Laboruntersuchungen: Entzündungsparameter (CRP, BSG)
- Bildgebung: Röntgenaufnahmen zur Beurteilung der Frakturheilung und Implantatstabilität
- Mikrobiologische Diagnostik: Mindestens 3-6 tiefe Gewebeproben während der Operation
Chirurgische Behandlungsoptionen
Débridement mit Implantaterhalt (DAIR):
- Indikation: Symptome <3 Wochen, stabiles Implantat, kein Fistelgang
- Erfolgsrate: 90% bei Infektionen innerhalb von 3 Wochen nach Frakturversorgung
- Erfolgsrate sinkt auf 70% bei 3-6 Wochen und auf 51-67% nach 10 Wochen 1
- Beinhaltet: Arthrotomie, gründliches Débridement, Austausch mobiler Komponenten
Implantatwechsel:
- Indikation: Chronische Infektion, instabiles Implantat, Fistelgang
- Einzeitig: Bei gutem Weichteilstatus, bekanntem Erreger, gutem Knochenstock
- Zweizeitig: Bei schlechtem Weichteilstatus, schwer behandelbaren Erregern
Implantatentfernung:
- Indikation: Nach Frakturheilung
- Vorteil: Definitive Infektionssanierung möglich
Antimikrobielle Therapie
- Empirische Therapie: Vancomycin plus Cefepim oder Meropenem bis Kulturergebnisse vorliegen 2
- Erreger-spezifische Therapie:
- Methicillin-sensible Staphylokokken: Nafcillin oder Cefazolin
- Methicillin-resistente Staphylokokken: Vancomycin
- Pseudomonas: Cefepim oder Meropenem 2
- Biofilm-wirksame Kombinationen:
- Therapiedauer:
- Standard: 4-6 Wochen
- Bei Staphylokokken-Infektionen mit DAIR: 12 Wochen 1
Lokale Antibiotikatherapie
- Hohe lokale Konzentration bei geringer systemischer Belastung
- Träger: PMMA, Kollagenvlies, Knochenersatzmaterialien
- Häufig verwendete Antibiotika: Gentamicin, Tobramycin, Vancomycin, Clindamycin 1
Management von Knochendefekten
Behandlungsoptionen nach Defektgröße
Kleine Defekte:
- Knochenersatzmaterialien oder autologe Knochentransplantation 3
Große Defekte:
- Induzierte Membrantechnik (Masquelet-Technik)
- Distraktionsosteogenese (Segmenttransport)
- Wahl abhängig von: Weichteilschaden, lokaler Durchblutung, möglicher Restinfektion 3
Beckenring- und Acetabulumfrakturen
Behandlungsansatz
- Frühzeitige Stabilisierung zur Verringerung von Komplikationen
- Wiederherstellung der Gelenkkongruenz bei Acetabulumfrakturen entscheidend
- 3D-Verfahren zur präzisen Rekonstruktion komplexer Frakturen 4
Posttraumatische Endoprothetik
Indikationen
- Schwere Gelenkzerstörung nach Trauma
- Fehlgeschlagene Osteosynthese mit Gelenkbeteiligung
Infektionsmanagement bei Prothesen
- Multidisziplinärer Ansatz zwischen Chirurgen und Infektiologen
- Diagnostik: Fistelgang, persistierende Wundsekretion, akute Schmerzen
- Behandlungsoptionen ähnlich wie bei frakturassoziierten Infektionen 1, 2
Fallstricke und Komplikationen
Vermeidung von Behandlungsfehlern
- Keine oberflächlichen Abstriche bei Wundsekretion - führen zu unnötig breiter Antibiotikatherapie 1
- Keine Antibiotikagabe vor Gewebeentnahme für Kultur (wenn medizinisch vertretbar) 2
- Keine Unterschätzung der Biofilmbildung - entscheidend für Therapieversagen 1, 5
Wichtige Überlegungen
- Frakturstabilität ist entscheidend für Knochenheilung und Infektionssanierung
- Der Vorteil der Implantate für die Stabilisierung überwiegt das erhöhte Infektionsrisiko 1
- Konservative medikamentöse Therapie kann bei Osteosynthese-assoziierten Infektionen erwogen werden, bis ausreichende Kallusbildung erreicht ist 6
Zusammenfassung des Behandlungsalgorithmus
- Diagnosestellung: Klinische Untersuchung, Bildgebung, mikrobiologische Proben
- Beurteilung der Implantatstabilität und Frakturheilung
- Entscheidung über chirurgisches Vorgehen:
- Stabile Osteosynthese, vitaler Weichteilmantel, Symptome <3 Wochen → DAIR
- Instabile Osteosynthese oder chronische Infektion → Implantatwechsel
- Geheilte Fraktur → Implantatentfernung
- Antimikrobielle Therapie basierend auf Kulturergebnissen und Biofilmüberlegungen
- Rekonstruktion von Knochendefekten nach Infektionssanierung
Die Behandlung orthopädischer Erkrankungen und Verletzungen erfordert einen strukturierten Ansatz mit Fokus auf chirurgische Sanierung, adäquate antimikrobielle Therapie und Wiederherstellung der Funktion, um Morbidität und Mortalität zu minimieren und die Lebensqualität zu optimieren.