Apixaban bei dialysepflichtigen Patienten über 80 Jahre
Klare Empfehlung
Bei einem über 80-jährigen dialysepflichtigen Patienten mit Vorhofflimmern, venöser Armthrombose und kürzlicher gastrointestinaler Blutung sollte Apixaban entweder vollständig vermieden werden oder, falls eine Antikoagulation zwingend erforderlich ist, mit äußerster Vorsicht in reduzierter Dosis von 2,5 mg zweimal täglich eingesetzt werden – wobei Warfarin die sicherere Alternative darstellt. 1, 2, 3
Dosierungsalgorithmus für dialysepflichtige Patienten
FDA-Zulassung und Dosierungsrichtlinien
Die FDA-Zulassung empfiehlt bei dialysepflichtigen Patienten (ESRD) mit Vorhofflimmern eine Standarddosis von 5 mg zweimal täglich, die auf 2,5 mg zweimal täglich reduziert wird, wenn der Patient ≥80 Jahre alt ist ODER ≤60 kg wiegt 1
Kritischer Unterschied zur Standarddosierung: Bei Dialysepatienten gilt die "ODER"-Regel (nur ein Kriterium erforderlich), während bei Patienten ohne Dialyse die "UND"-Regel gilt (mindestens zwei von drei Kriterien: Alter ≥80 Jahre, Gewicht ≤60 kg, Serumkreatinin ≥1,5 mg/dL) 4, 5, 1
Evidenzlage bei Dialysepatienten
Die RENAL-AF-Studie (2022) zeigte bei Dialysepatienten mit Vorhofflimmern keine signifikanten Unterschiede zwischen Apixaban und Warfarin hinsichtlich schwerer Blutungen (32% vs. 26% nach einem Jahr, HR 1,20; 95% KI 0,63-2,30) oder Schlaganfall (3,0% vs. 3%) 2
Wichtiger Befund: Blutungsereignisse waren etwa 10-fach häufiger als Schlaganfälle bei antikoagulierten Dialysepatienten, was die Notwendigkeit einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung unterstreicht 2
Eine retrospektive US-Kohortenstudie (2018) mit 25.523 Patienten zeigte, dass Apixaban im Vergleich zu Warfarin mit einem 28% niedrigeren Risiko für schwere Blutungen assoziiert war (HR 0,72; 95% KI 0,59-0,87) 3
Besondere Risikofaktoren in diesem Fall
Alter über 80 Jahre
Das Alter ≥80 Jahre ist bei Dialysepatienten ein eigenständiges Kriterium für die Dosisreduktion auf 2,5 mg zweimal täglich 1
Französische Leitlinien warnen ausdrücklich vor Spinal- oder Epiduralanästhesie bei Patienten über 80 Jahren unter Dabigatran oder anderen DOACs wegen erhöhter Akkumulationsgefahr 6
Kürzliche gastrointestinale Blutung
Kontraindikation für sofortige Wiederaufnahme: Eine kürzliche gastrointestinale Blutung stellt eine relative Kontraindikation für die sofortige Wiederaufnahme der Antikoagulation dar 7
Ein Fallbericht (2025) dokumentierte bei einem 73-jährigen Dialysepatienten unter Apixaban multiple schwere Blutungskomplikationen (bilaterale hämorrhagische Pleuraergüsse, Perikarderguss, intrakranielle Blutung), die trotz leitliniengerechter Dosierung auftraten und zum Tod führten 7
Gastrointestinale Blutungen sind die häufigste Blutungskomplikation unter Apixaban, insbesondere bei Niereninsuffizienz 7, 8
Dialysepflichtigkeit (ESRD)
Apixaban hat mit 27% die niedrigste renale Clearance aller DOACs (Dabigatran 80%, Rivaroxaban 66%), was es theoretisch zur sichersten Option bei Niereninsuffizienz macht 4, 3, 8
Trotzdem: Bei ESRD können selbst 27% renale Elimination zu erhöhten Plasmaspiegeln und Blutungen führen, da die Elimination beeinträchtigt ist 7
Die RENAL-AF-Studie zeigte bei 5 mg zweimal täglich einen medianen 12-Stunden-AUC von 2475 ng/mL×h (im Vergleich zu 1269 ng/mL×h bei 2,5 mg zweimal täglich), mit erheblicher Überlappung zwischen Patienten mit und ohne Blutungsereignisse 2
Praktisches Vorgehen
Wenn Antikoagulation zwingend erforderlich ist:
Erste Wahl: Warfarin mit engmaschiger INR-Kontrolle (Ziel-INR 2,0-3,0, Time in Therapeutic Range >65-70%) 4, 2
Alternative: Apixaban 2,5 mg zweimal täglich (wegen Alter ≥80 Jahre bei Dialyse) 1
- Erst nach vollständiger Abheilung der gastrointestinalen Blutung (mindestens 2-4 Wochen)
- Engmaschige Überwachung auf Blutungszeichen (wöchentlich initial, dann monatlich)
- Vermeidung von Komedikation mit P-Glykoprotein-Inhibitoren oder starken CYP3A4-Inhibitoren 4
Kontraindiziert: Standarddosis 5 mg zweimal täglich bei diesem Patienten wegen Alter ≥80 Jahre 1
Wenn Antikoagulation nicht zwingend erforderlich ist:
- Erwägen Sie, auf Antikoagulation zu verzichten, insbesondere bei:
Häufige Fallstricke
Fehler 1: Verwendung der Standarddosierungskriterien (2 von 3 Kriterien) bei Dialysepatienten – bei ESRD gilt die "ODER"-Regel (nur 1 Kriterium erforderlich) 1
Fehler 2: Zu frühe Wiederaufnahme der Antikoagulation nach gastrointestinaler Blutung – warten Sie mindestens bis zur vollständigen Hämostase 7
Fehler 3: Unterschätzung des Blutungsrisikos bei Dialysepatienten – Blutungen sind 10-fach häufiger als Schlaganfälle in dieser Population 2
Fehler 4: Verwendung von 5 mg zweimal täglich bei über 80-jährigen Dialysepatienten – dies führt zu deutlich erhöhten Plasmaspiegeln und erhöhtem Blutungsrisiko 2, 3
Überwachung
Klinische Überwachung auf Blutungszeichen (gastrointestinal, intrakranial, Pleura, Perikard) bei jedem Dialysetermin 7, 2
Keine routinemäßige Laborüberwachung (kein INR erforderlich), aber Überwachung auf Anämie und okkultes Blut im Stuhl 4, 8
Regelmäßige Neubewertung der Indikation zur Antikoagulation, insbesondere bei Verschlechterung des Allgemeinzustands 2