Wahrscheinlichkeit für Lungenembolie bei diesem Patienten
Bei einem Patienten mit Vorhofflimmern, venöser Thrombose in der Anamnese, kürzlicher gastrointestinaler Blutung und jetzt schwerer Hypoxämie (SpO2 bis 70%) mit zunehmender Schläfrigkeit ist die Wahrscheinlichkeit für eine Lungenembolie sehr hoch und erfordert sofortige Diagnostik und Therapie. 1
Klinische Risikofaktoren und Wahrscheinlichkeitseinschätzung
Hochrisiko-Faktoren bei diesem Patienten
- Vorhofflimmern ist ein starker Risikofaktor für Lungenembolie mit einer Hospitalisierung wegen Vorhofflimmern innerhalb der letzten 3 Monate als starker Risikofaktor (OR >10) 1
- Vorhofflimmern erhöht das Risiko für venöse Thromboembolien erheblich, insbesondere für isolierte Lungenembolien, die aus Thromben im rechten Vorhof entstehen können 2, 3
- Frühere venöse Thrombose ist ein starker Risikofaktor (OR >10) für erneute thromboembolische Ereignisse 1
- Die Kombination von Vorhofflimmern und fehlender tiefer Venenthrombose in der Anamnese deutet auf eine kardiale Emboliequelle hin, wobei Vorhofflimmern unabhängig mit Lungenembolie ohne begleitende tiefe Venenthrombose assoziiert ist (OR 3.17) 3
Kritische klinische Präsentation
- Schwere Hypoxämie (SpO2 70%) ist ein Zeichen für hämodynamische Störungen und deutet auf eine signifikante Lungenembolie hin 1
- Die schwere Hypoxämie entsteht durch niedriges Herzzeitvolumen mit Entsättigung des gemischten venösen Blutes, Ventilations-Perfusions-Mismatch und möglicherweise Rechts-Links-Shunt durch ein offenes Foramen ovale 1
- Zunehmende Schläfrigkeit kann auf eine beginnende hämodynamische Instabilität, zerebrale Hypoxie oder bevorstehenden Kreislaufkollaps hinweisen 1
Diagnostisches Vorgehen bei diesem Hochrisiko-Patienten
Sofortige Maßnahmen
- Bei hämodynamischer Instabilität (systolischer Blutdruck <100 mmHg, Schock) sofort Bettseitenechokardiographie durchführen oder Notfall-CT-Pulmonalisangiographie, wenn der Patient transportfähig ist 1, 4
- Sofortige Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin (gewichtsadaptierter Bolus) ohne Verzögerung einleiten, noch vor Bildgebungsbestätigung bei hämodynamisch instabilen Patienten 1, 4
- Bei diesem Patienten mit schwerer Hypoxämie und Schläfrigkeit ist die Wahrscheinlichkeit für eine Hochrisiko-Lungenembolie mit akutem Rechtsherzversagen sehr hoch 1
Bildgebende Diagnostik
- Direkt zur CT-Pulmonalisangiographie ohne D-Dimer-Testung bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit, da ein negativer D-Dimer die Notwendigkeit der Bildgebung nicht ausschließt (Sensitivität 83%, Spezifität 96%) 4
- D-Dimer hat bei hospitalisierten Patienten sehr begrenzte Aussagekraft, da es häufig durch Komorbiditäten, kürzliche Operationen oder gastrointestinale Blutungen erhöht ist 4
- Die CT-Pulmonalisangiographie hat eine Sensitivität >95% für segmentale oder größere Embolien und kann alternative Diagnosen liefern 4
Prognostische Bedeutung von Vorhofflimmern bei Lungenembolie
Erhöhte Mortalität
- Vorhofflimmern bei Lungenembolie ist mit signifikant erhöhter Mortalität assoziiert: intrahospital 22.8% vs. 13.1%, 1-Monats-Mortalität 35.1% vs. 16.9%, 6-Monats-Mortalität 45.6% vs. 17.4% 5
- Die prognostische Bedeutung von Vorhofflimmern ist unabhängig von Alter, NT-proBNP-Werten, Nierenfunktion und Aufnahmeblutdruck 5
- Vorhofflimmern bei Aufnahme hat zusätzlichen prognostischen Wert zur Vorhofflimmern-Anamnese für die 1-Monats- und 6-Monats-Mortalität 5
Wichtige Fallstricke und Besonderheiten
Antikoagulation bei gastrointestinaler Blutung
- Die kürzliche gastrointestinale Blutung stellt ein Dilemma dar, aber bei lebensbedrohlicher Lungenembolie mit schwerer Hypoxämie überwiegt der Nutzen der Antikoagulation das Blutungsrisiko 1
- Gastrointestinale Blutung in den letzten 14 Tagen ist normalerweise ein Ausschlusskriterium für ambulante Behandlung, aber bei Hochrisiko-Lungenembolie ist stationäre Überwachung mit Antikoagulation erforderlich 1
Rechts-Links-Shunt
- Bei etwa einem Drittel der Patienten kann ein Rechts-Links-Shunt durch ein offenes Foramen ovale nachgewiesen werden, der zu schwerer Hypoxämie führt und das Risiko für paradoxe Embolisation und Schlaganfall erhöht 1
- Dies ist besonders relevant bei Patienten mit Vorhofflimmern, die bereits ein erhöhtes Risiko für zerebrale Embolien haben 1
Akutes Rechtsherzversagen
- Akutes Rechtsherzversagen ist ein kritischer Determinant für klinischen Schweregrad und Outcome bei akuter Lungenembolie 1
- Die Kombination aus schwerer Hypoxämie, Schläfrigkeit und multiplen Risikofaktoren deutet auf eine Hochrisiko-Lungenembolie mit drohendem oder manifestem Rechtsherzversagen hin 1