Indikationen für die Verordnung von Kompressionsstrümpfen
Kompressionsstrümpfe sollten primär zur Symptomlinderung (Ödem und Schmerzen) bei ausgewählten Patienten mit akuter tiefer Venenthrombose (TVT) eingesetzt werden, nicht jedoch routinemäßig zur Prävention des postthrombotischen Syndroms. 1
Hauptindikationen für Kompressionsstrümpfe
Bei Patienten mit tiefer Venenthrombose (TVT)
Symptomatische Behandlung: Kompressionsstrümpfe können bei ausgewählten Patienten mit akuter TVT zur Reduktion von Ödemen und Schmerzen eingesetzt werden, obwohl die American Society of Hematology (ASH) 2020 gegen die routinemäßige Verwendung zur Prävention des postthrombotischen Syndroms rät (bedingte Empfehlung basierend auf sehr niedriger Evidenzqualität). 1
Spezifikationen bei TVT: Bei Patienten mit iliofemorale TVT werden täglich 30-40 mmHg kniehohe graduierte Kompressionsstrümpfe für mindestens 2 Jahre nach Diagnose empfohlen, jedoch erst nach initialer Antikoagulationstherapie. 2, 3
Frühzeitige Mobilisation: Kompressionstherapie sollte so früh wie möglich nach TVT-Diagnose begonnen werden, kombiniert mit früher Mobilisation statt Bettruhe. 3
Bei chronischer venöser Insuffizienz und Beinödemen
Venöse Beinulzera: Bei venösen Beinulzera wird eine Kompression von 30-40 mmHg empfohlen, jedoch erst nach Sicherstellung ausreichender arterieller Durchblutung. 2, 3
Chronische venöse Insuffizienz: Für initiale Behandlung wird ein Mindestdruck von 20-30 mmHg empfohlen, bei schwerer Erkrankung 30-40 mmHg. 3
Bei postthrombotischem Syndrom (PTS)
Symptommanagement: Bei etabliertem postthrombotischem Syndrom wird ein Therapieversuch mit Kompressionsstrümpfen (30-40 mmHg) zur Symptomlinderung empfohlen. 3
Schweres PTS: Bei schwerem PTS, das durch Kompressionsstrümpfe nicht ausreichend gelindert wird, kann ein intermittierendes Kompressionsgerät in Betracht gezogen werden. 2, 3
Wichtige Kontraindikationen
Absolute Kontraindikationen
Akute TVT mit sequenziellen Kompressionsgeräten: Sequenzielle Kompressionsgeräte (SCDs) sind bei bestätigter TVT kontraindiziert, da sie Thromben lösen und zu Lungenembolie führen können. 4
Schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit: Bei Knöchel-Arm-Index <0,6 ist Kompressionstherapie kontraindiziert, da Revaskularisation erforderlich ist. 3, 4
Hautschäden: Dermatitis, Hautdefekte, Gangrän, frische Hauttransplantate oder Venentransplantate sind Kontraindikationen. 4
Relative Kontraindikationen
Moderate arterielle Verschlusskrankheit: Bei Knöchel-Arm-Index zwischen 0,6-0,9 kann reduzierte Kompression von 20-30 mmHg mit Vorsicht angewendet werden. 3, 4
Kongestive Herzinsuffizienz: Kann eine relative Kontraindikation darstellen, da schnelle Flüssigkeitsverschiebungen kardiale Symptome verschlimmern können. 4
Spezifische Anwendungsrichtlinien für Risikopatienten
Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen
Bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen ist eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung erforderlich, insbesondere bei kongestiver Herzinsuffizienz. 4
Die Kompressionstherapie sollte nicht als Ersatz für Antikoagulation bei TVT-Risiko betrachtet werden. 3
Patienten mit Diabetes
Bei diabetischen Patienten ist besondere Vorsicht geboten aufgrund erhöhter Risiken für periphere arterielle Verschlusskrankheit und Hautschäden. 4, 5
Regelmäßige Hautuntersuchungen sind essentiell, um Anzeichen von Hautdefekten frühzeitig zu erkennen. 4
Patienten mit vorheriger TVT
Bei Patienten mit vorheriger TVT können Kompressionsstrümpfe zur Symptomlinderung und möglicherweise zur Reduktion des PTS-Risikos eingesetzt werden, obwohl die Evidenz gemischt ist. 1, 6
Die Dauer sollte mindestens 2 Jahre betragen, wenn Kompressionstherapie eingesetzt wird. 3
Wichtige klinische Fallstricke
Häufiger Fehler: Fortsetzung mechanischer Kompression bei Patienten, die unter prophylaktischen SCDs eine TVT entwickeln – diese Geräte müssen sofort nach TVT-Diagnose abgesetzt werden. 2
Ischämische Komplikationen: Kompressionsstrümpfe können bei Patienten mit arterieller Insuffizienz ischämische Komplikationen verursachen, insbesondere bei zunehmendem Beinumfang, der den Druck erhöht. 5
Korrekte Anpassung: Unpassende Kompressionsstrümpfe können Druckverletzungen verursachen oder unwirksam sein – individuelle Anpassung ist erforderlich. 3, 4
Keine Routineverordnung: Die ASH 2020 Leitlinien raten explizit gegen routinemäßige Verordnung zur PTS-Prävention, da die Mehrheit der Patienten nicht profitiert. 1
Praktische Empfehlungen zur Druckstärke
Standard-TVT mit milden Symptomen: 30-40 mmHg kniehohe graduierte Kompressionsstrümpfe. 3
TVT mit schwerem Ödem: Initial intermittierende sequenzielle pneumatische Kompression, gefolgt von täglichen Kompressionsstrümpfen. 3
Venöse Beinulzera: 30-40 mmHg inelastische Kompression ist elastischen Bandagen überlegen. 3
Kniehohe vs. oberschenkellange Strümpfe: Kniehohe Strümpfe sind ausreichend und sollten oberschenkellange Strümpfe ersetzen, da sie gleich wirksam und besser toleriert werden. 3, 7