Nächste Schritte bei normalem CK-Wert bei 7-jährigem Kind mit neuromuskulären Symptomen
Bei einem 7-jährigen Kind mit neuen neuromuskulären Symptomen und zweifach normalem CK-Wert sollten Sie primär andere neuromuskuläre Erkrankungen außer Muskeldystrophien in Betracht ziehen und eine gezielte neurologische Abklärung durchführen, da ein normaler CK-Wert eine Duchenne-Muskeldystrophy praktisch ausschließt, aber andere wichtige Differentialdiagnosen nicht eliminiert. 1, 2
Interpretation des normalen CK-Wertes
- Ein zweifach normaler CK-Wert macht eine Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) extrem unwahrscheinlich, da bei DMD der CK-Wert typischerweise massiv erhöht ist (>10.000 U/L) und permanent auf diesem Niveau bleibt 1, 2, 3
- Auch andere Muskeldystrophien wie Becker-Muskeldystrophie zeigen in der Regel deutlich erhöhte CK-Werte, wenn auch niedriger als bei DMD 2
- Ein normaler CK-Wert lenkt die Differentialdiagnose weg von primären Muskelerkrankungen hin zu neurologischen Erkrankungen der oberen oder unteren Motoneurone, neuromuskulären Übertragungsstörungen oder anderen systemischen Ursachen 1, 4
Gezielte Anamnese und körperliche Untersuchung
Anamnestische Schwerpunkte:
- Muster der Muskelschwäche: Proximale vs. distale Schwäche, symmetrisch vs. asymmetrisch, progredient vs. fluktuierend 1
- Begleitsymptome: Ermüdbarkeit (besonders bei Myasthenia gravis), Muskelschmerzen, Faszikulationen, Sensibilitätsstörungen 1, 5
- Familienanamnese: Neuromuskuläre Erkrankungen, Totgeburten, frühe Kindstode (können auf genetische Ursachen hinweisen) 1, 2
- Perinatale Komplikationen: Geburtstrauma, Hypoxie, Infektionen 1
Körperliche Untersuchung:
- Muskeltonus beurteilen: Erhöhter Tonus deutet auf Zerebralparese hin, niedriger Tonus auf Erkrankungen des unteren Motoneurons oder Muskelerkrankungen 1
- Muskelschwäche quantifizieren: Proximale Muskelgruppen, Nackenflexoren, Gesichtsmuskulatur 1
- Tiefe Sehnenreflexe: Abgeschwächt oder fehlend bei peripheren Neuropathien oder Myasthenia gravis 2
- Hautbefunde: Hinweise auf Dermatomyositis (Gottron-Papeln, heliotropes Erythem) 1
Labordiagnostik der nächsten Stufe
Basislabor:
- TSH-Bestimmung: Hypothyreose kann motorische Verzögerung und Muskelschwäche verursachen 1
- Aldolase: Kann bei entzündlichen Myopathien erhöht sein, auch wenn CK normal ist 1, 2
- Transaminasen (AST, ALT) und LDH: Zur Differenzierung zwischen Muskel- und Lebererkrankungen 1, 2
- Entzündungsparameter (BSG, CRP): Erhöht bei autoimmuner Myositis 1, 2
Spezifische Antikörpertests:
- Anti-Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper und antistriationelle Antikörper: Zum Ausschluss einer Myasthenia gravis, die mit normalem CK einhergeht 1
- Myositis-spezifische Autoantikörper: Bei Verdacht auf juvenile Dermatomyositis oder Polymyositis 1
Weiterführende Diagnostik
Bei erhöhtem Muskeltonus:
- MRT des Gehirns: Empfohlen bei Verdacht auf Zerebralparese zur Identifikation struktureller Läsionen 1
- Überweisung an Kinderneurologen für weitere Abklärung 1
Bei normalem oder erniedrigtem Muskeltonus:
- Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeit: Zur Differenzierung zwischen myopathischen, neuropathischen und neuromuskulären Übertragungsstörungen 1, 4, 5
- MRT der Muskulatur: Kann Entzündungsmuster oder strukturelle Veränderungen zeigen, auch bei normalem CK 1, 4
- Genetische Testung: Bei Verdacht auf spinale Muskelatrophie, kongenitale Myasthenia gravis oder mitochondriale Erkrankungen 1, 4
Wichtige Differentialdiagnosen bei normalem CK
Primär zu erwägende Erkrankungen:
- Myasthenia gravis: Fluktuierende Schwäche, Ermüdbarkeit, normale CK-Werte 1
- Spinale Muskelatrophie: Proximale Schwäche, Hypotonie, Faszikulationen der Zunge, normale CK-Werte 1
- Zerebralparese: Erhöhter Tonus, spastische Bewegungsmuster, normale CK-Werte 1
- Mitochondriale Erkrankungen: Variable Präsentation, oft mit Multisystembefall, CK kann normal oder leicht erhöht sein 1
- Kongenitale Myasthenia gravis: Schwäche seit Geburt, Ptosis, Fütterungsschwierigkeiten 1
Weniger wahrscheinlich, aber zu bedenken:
- Juvenile Dermatomyositis: Kann initial normale CK-Werte haben, aber Aldolase ist meist erhöht 1, 2
- Guillain-Barré-Syndrom: Akute aufsteigende Schwäche, fehlende Reflexe, erhöhtes Liquoreiweiß 2
Überweisungsstrategie
- Dringende Überweisung an Kinderneurologen bei: Progredienter Schwäche, Ateminsuffizienz, Schluckstörungen, oder Verdacht auf Myasthenia gravis 1
- Elektive Überweisung bei: Stabiler, aber unklarer Symptomatik zur weiteren elektrophysiologischen und bildgebenden Diagnostik 1, 5
- Multidisziplinäres Team einbeziehen: Physiotherapie zur Funktionsbeurteilung, ggf. Rheumatologie bei Verdacht auf autoimmune Myositis 1, 2
Häufige Fallstricke
- Nicht davon ausgehen, dass normaler CK eine neuromuskuläre Erkrankung ausschließt: Viele wichtige Differentialdiagnosen haben normale CK-Werte 1, 6
- Nicht nur auf Muskeldystrophien fokussieren: Bei normalem CK sind Erkrankungen der neuromuskulären Übertragung oder des Nervensystems wahrscheinlicher 1, 2
- Schilddrüsenfunktion nicht vergessen: Hypothyreose ist eine behandelbare Ursache motorischer Verzögerung 1
- Bei fluktuierender Schwäche immer an Myasthenia gravis denken: Diese Diagnose wird oft verzögert gestellt 1