Antipsychotika und Brustkrebsrisiko: Rangfolge und Behandlungsempfehlungen bei aktivem Mammakarzinom
Direkte Antwort
Bei Frauen mit aktivem Mammakarzinom sollten Prolaktin-erhöhende Antipsychotika vermieden werden; wenn eine antipsychotische Behandlung unbedingt erforderlich ist, sind Aripiprazol, Brexpiprazol, Cariprazin oder Quetiapin die bevorzugten Optionen. 1, 2
Rangfolge der Antipsychotika nach Brustkrebsrisiko
Höchstes Risiko (Prolaktin-erhöhende Antipsychotika)
Langzeitanwendung (≥5 Jahre) von Prolaktin-erhöhenden Antipsychotika ist mit einem signifikant erhöhten Brustkrebsrisiko verbunden (adjustierte OR 1,56; 95% CI 1,27-1,92). 1
Die Hochrisiko-Medikamente umfassen:
- Paliperidon – höchstes Prolaktin-Erhöhungspotenzial 1, 2
- Risperidon – stark Prolaktin-erhöhend 1, 2, 3
- Amisulprid – stark Prolaktin-erhöhend 1, 2
- Haloperidol – Prolaktin-erhöhend 1, 2
Das Risiko für lobuläres Adenokarzinom ist besonders erhöht (adjustierte OR 2,36; 95% CI 1,46-3,82) im Vergleich zu duktalem Adenokarzinom (adjustierte OR 1,42; 95% CI 1,12-1,80). 1
Niedriges Risiko (Prolaktin-sparende Antipsychotika)
Prolaktin-sparende Antipsychotika zeigen keine signifikante Assoziation mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, selbst bei Langzeitanwendung (≥5 Jahre: adjustierte OR 1,19; 95% CI 0,90-1,58). 1
Die bevorzugten Medikamente umfassen:
- Aripiprazol – keine Prolaktin-Erhöhung 4, 1, 2
- Brexpiprazol – keine Prolaktin-Erhöhung 2
- Cariprazin – keine Prolaktin-Erhöhung 2
- Quetiapin – minimal Prolaktin-erhöhend 1, 2
- Clozapin – Prolaktin-sparend 1
Behandlungsalgorithmus bei aktivem Mammakarzinom
Schritt 1: Notwendigkeit der antipsychotischen Behandlung bewerten
- Wenn die psychiatrische Erkrankung stabil ist oder mit nicht-pharmakologischen Interventionen kontrolliert werden kann, sollte die Antipsychotika-Therapie pausiert oder beendet werden 5
- Bei akuter Psychose oder schwerer psychiatrischer Dekompensation ist eine antipsychotische Behandlung unvermeidbar 1, 2
Schritt 2: Medikamentenwahl bei notwendiger Behandlung
Wenn Antipsychotika erforderlich sind, wechseln Sie sofort von Prolaktin-erhöhenden zu Prolaktin-sparenden Antipsychotika: 1, 2
- Erste Wahl: Aripiprazol – keine Prolaktin-Erhöhung, keine Assoziation mit Brustkrebs in präklinischen Studien 4, 1
- Zweite Wahl: Brexpiprazol – keine Prolaktin-Erhöhung, strukturell ähnlich zu Aripiprazol 2, 6
- Dritte Wahl: Quetiapin – minimale Prolaktin-Erhöhung, keine signifikante Brustkrebs-Assoziation 1, 2
- Vierte Wahl: Cariprazin – keine Prolaktin-Erhöhung 2
Schritt 3: Prolaktin-Monitoring implementieren
- Messen Sie den Serum-Prolaktinspiegel vor Behandlungsbeginn und alle 3 Monate während der Therapie 1, 2
- Normaler Prolaktinspiegel bei Frauen: <25 ng/mL 1
- Bei Hyperprolaktinämie (>25 ng/mL): sofortiger Wechsel zu Prolaktin-sparendem Antipsychotikum 1, 2
Schritt 4: Onkologische Koordination
- Informieren Sie das onkologische Team über alle antipsychotischen Medikamente 5
- Koordinieren Sie die psychiatrische Behandlung mit der Krebstherapie, insbesondere bei Patienten, die Tamoxifen erhalten 5, 7
- Vermeiden Sie Paroxetin und Fluoxetin bei Tamoxifen-Behandlung wegen CYP2D6-Hemmung 5, 7, 8
Wichtige klinische Überlegungen
Mechanismus des erhöhten Risikos
Prolaktin-erhöhende Antipsychotika aktivieren den JAK2-STAT5-Signalweg in präkanzerösen Läsionen, was die Apoptose unterdrückt und die Progression zu invasivem Karzinom fördert. 4
- Dieser Effekt wurde in präklinischen Modellen mit Risperidon und Pimozid nachgewiesen 4
- Aripiprazol zeigte diesen Effekt nicht, da es keine Hyperprolaktinämie verursacht 4
- JAK1/2-Inhibitoren (z.B. Ruxolitinib) können diese krebsfördernden Effekte blockieren, sind aber derzeit keine Standardbehandlung 4
Zeitabhängigkeit des Risikos
- 1-4 Jahre Exposition: keine signifikante Risikoerhöhung (adjustierte OR 0,95; 95% CI 0,73-1,25 für Prolaktin-sparende; keine Erhöhung für Prolaktin-erhöhende) 1
- ≥5 Jahre Exposition: signifikante Risikoerhöhung nur bei Prolaktin-erhöhenden Antipsychotika (adjustierte OR 1,56; 95% CI 1,27-1,92) 1
- Das Risiko ist dosisabhängig, mit schwacher Dosis-Wirkungs-Beziehung 9
Hormonrezeptor-Status
Die Assoziation zwischen Antipsychotika und Brustkrebs ist stärker bei Östrogen-Rezeptor-positiven Tumoren (Langzeitanwendung: OR 1,29; 95% CI 1,13-1,47) als bei Östrogen-Rezeptor-negativen Tumoren (keine Assoziation). 9
Häufige Fallstricke
- Unterschätzen Sie nicht das kumulative Risiko bei Frauen mit Schizophrenie, die bereits ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben (unabhängig von der Medikation) 1, 2
- Vermeiden Sie abruptes Absetzen von Antipsychotika ohne psychiatrische Konsultation, da dies zu schwerer Dekompensation führen kann 1, 2
- Verwechseln Sie nicht kurzfristige Sicherheitsdaten mit Langzeitsicherheit – die meisten Studien zeigen erst nach ≥5 Jahren Exposition ein erhöhtes Risiko 1, 3
Spezielle Situationen
Bei Patientinnen, die bereits Prolaktin-erhöhende Antipsychotika einnehmen
Wechseln Sie sofort zu einem Prolaktin-sparenden Antipsychotikum, wenn die Patientin ein aktives Mammakarzinom entwickelt oder präkanzeröse Läsionen (atypische Hyperplasie, LCIS) diagnostiziert werden. 4, 1, 2
- Führen Sie den Wechsel unter psychiatrischer Supervision durch 1, 2
- Überwachen Sie auf psychiatrische Dekompensation während des Übergangs 1, 2
- Messen Sie Prolaktinspiegel 2-4 Wochen nach dem Wechsel, um die Normalisierung zu bestätigen 1, 2
Bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs und schweren psychiatrischen Symptomen
Wenn die psychiatrische Erkrankung lebensbedrohlich ist und nur auf Prolaktin-erhöhende Antipsychotika anspricht, kann eine sorgfältig überwachte Behandlung nach vollständiger Aufklärung über die Risiken in Betracht gezogen werden. 5, 2