Leitlinien zur Umstellung von Antiepileptika
Empfehlung zur Beendigung der Therapie
Ein Absetzversuch von Antiepileptika sollte nach 2 anfallsfreien Jahren in Betracht gezogen werden, wobei die Entscheidung unter Berücksichtigung klinischer, sozialer und persönlicher Faktoren gemeinsam mit dem Patienten und der Familie getroffen werden muss. 1
Zeitrahmen für anfallsfreie Periode
- Mindestens 2 Jahre Anfallsfreiheit sind erforderlich, bevor ein Absetzversuch erwogen werden sollte 1
- Kürzere anfallsfreie Perioden sind mit einem deutlich höheren Rückfallrisiko verbunden 2
- Bei Kindern kann ein Absetzversuch nach weniger als 2 Jahren erwogen werden, da das Rückfallrisiko bei früherem Absetzen nur geringfügig höher ist 2
- Erwachsene sollten idealerweise 2-5 Jahre anfallsfrei sein, bevor ein Absetzversuch unternommen wird 3
Risikofaktoren für Anfallsrezidive
Hochrisikofaktoren (Vorsicht beim Absetzen)
Patienten mit zwei oder mehr der folgenden Faktoren sollten nicht zum Absetzen ermutigt werden: 2
- Abnormes EEG (einschließlich epileptiformer Aktivität) zum Zeitpunkt des geplanten Absetzens 2, 4
- Symptomatische Ätiologie (dokumentierte Ursache der Anfälle, einschließlich geistiger Behinderung, perinataler Schädigungen, abnormer neurologischer Untersuchung) 5, 2
- Partielle Anfälle (fokale Anfälle) 2, 6
- Höheres Alter bei Krankheitsbeginn (Adoleszenz oder später) 5, 2, 6
- Zwei oder mehr verschiedene Anfallstypen 5
- Mehrere Antiepileptika zur Anfallskontrolle erforderlich 4
Faktoren ohne Einfluss auf die Absetzentscheidung
Die folgenden Faktoren sollten die Entscheidung zum Absetzen nicht beeinflussen: 2
- Weibliches Geschlecht
- Familienanamnese für Epilepsie
- Anamnese von Fieberkrämpfen
- Krankheitsdauer/-schwere
- Anzahl und Art der eingenommenen Medikamente (als isolierter Faktor)
Praktisches Absetzschema
Absetzgeschwindigkeit
- Langsames Absetzen über mindestens 6 Monate wird empfohlen 2
- Die Dauer der Ausschleichphase sollte an die Bedürfnisse und Präferenzen des Patienten angepasst werden 2
- Das Rückfallrisiko ist in den ersten 12 Monaten (besonders in den ersten 6 Monaten) nach dem Absetzen am höchsten 6
Nachsorge
- Patienten, die die Behandlung beenden, sollten mindestens 2 Jahre lang nachbeobachtet werden 2
- Regelmäßige Kontrollen alle 2 Monate während der Absetzphase sind sinnvoll 4
Spezielle Situationen
Neurozystizerkose mit Anfällen
Bei Patienten mit wenigen Anfällen vor antiparasitärer Therapie, Auflösung der zystischen Läsion in bildgebenden Verfahren und 24 aufeinanderfolgenden anfallsfreien Monaten sollte ein Ausschleichen und Absetzen der Antiepileptika erwogen werden 1
Einzelne verstärkende Läsionen (SELs)
Bei Patienten, die 6 Monate anfallsfrei waren, sollte ein Ausschleichen und Absetzen der Antiepileptika nach Auflösung der Läsion erwogen werden, wenn keine Risikofaktoren für rezidivierende Anfälle vorliegen (Risikofaktoren: residuale zystische Läsionen oder Verkalkungen, Durchbruchanfälle oder >2 Anfälle) 1
Wichtige Warnhinweise
- Das Rückfallrisiko nach Absetzen ist 2-3-mal höher als bei Fortsetzung der Therapie 3
- Selbst bei Patienten mit günstiger Prognose kann das Rückfallrisiko 20-25% betragen 3
- Vor dem Absetzen müssen Patienten über ihr individuelles Rückfallrisiko und die potenziellen Auswirkungen eines erneuten Anfalls aufgeklärt werden, insbesondere hinsichtlich Sicherheit und Fahrerlaubnis 3, 6
- Die Entscheidung muss die medizinischen, emotionalen und sozialen Auswirkungen eines Anfallsrezidivs gegen die medizinischen Komplikationen einer chronischen Antiepileptika-Behandlung abwägen 2, 6