Charakteristika der Variante Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD)
Die Variante Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) unterscheidet sich von anderen Prionenerkrankungen durch ein charakteristisches klinisches Bild mit frühen psychiatrischen Symptomen, jüngerem Erkrankungsalter und spezifischen MRT-Befunden, insbesondere dem pathognomonischen "Pulvinar-Zeichen".
Klinische Merkmale
Demographische und epidemiologische Merkmale
- Deutlich jüngeres Erkrankungsalter als bei sporadischer CJD (sCJD): Medianes Alter bei Erkrankungsbeginn 27 Jahre (Spanne 12-74 Jahre) 1
- Längere Krankheitsdauer: Median 14 Monate (Spanne 6-39 Monate) 1
- Zoonotische Erkrankung, die durch Kontamination von Nahrungsmitteln mit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) entsteht 2
- Hauptsächlich in Großbritannien und Frankreich aufgetreten 2
Frühsymptome
Dominanz psychiatrischer Symptome zu Beginn der Erkrankung (bei 34 von 35 Fällen) 3
Häufigste psychiatrische Manifestationen:
Frühe sensorische Symptome bei vielen Patienten:
- Persistierende, oft schmerzhafte Missempfindungen 4
- Diese können diagnostisch wegweisend sein
Krankheitsverlauf
Frühe Phase (erste 6 Monate):
- Psychiatrische Symptome dominieren
- Oft Fehldiagnose einer primär psychiatrischen Erkrankung
- Ansprechen auf psychiatrische Medikation meist gering oder nur vorübergehend 3
Mittlere Phase:
- Entwicklung neurologischer Symptome etwa 6-7 Monate nach Beginn der psychiatrischen Symptome 3
- Ataxie (Gangstörung)
- Myoklonien (unwillkürliche Muskelzuckungen)
- Kognitive Beeinträchtigungen werden deutlicher
Späte Phase:
Diagnostische Merkmale
Bildgebung
- MRT zeigt bilaterales "Pulvinar-Zeichen" (Signalanhebung im Pulvinar des Thalamus) - hochspezifisch für vCJD 3, 5
- Im Gegensatz zu sCJD keine typischen kortikalen Hyperintensitäten im Frühstadium 5
Elektrophysiologie
- EEG zeigt im Gegensatz zur sporadischen CJD keine typischen periodischen triphasischen Komplexe 3
- Meist unspezifische Verlangsamung 4
Liquordiagnostik
- Protein 14-3-3 im Liquor nur bei etwa 50% der vCJD-Fälle positiv (geringere Sensitivität als bei sCJD) 3, 6
- RT-QuIC (Real-Time Quaking-Induced Conversion) hat höhere Sensitivität und Spezifität 5
Genetik
- Homozygotie für Methionin am Codon 129 des PRNP-Gens bei fast allen vCJD-Fällen 6
- Keine pathogenen PRNP-Mutationen wie bei genetischen Formen der CJD 6
Neuropathologische Merkmale
- Charakteristische "floride Plaques" im Gehirn (Amyloid-Plaques umgeben von spongiformer Degeneration) 2
- PrPSc-Ablagerungen (pathologische Prionproteine) auch in lymphatischem Gewebe außerhalb des ZNS nachweisbar 2
- Molekulare Analyse zeigt, dass vCJD durch denselben Prionenstamm verursacht wird wie BSE 3
Differentialdiagnose
- Sporadische CJD (sCJD): Höheres Alter, kürzere Krankheitsdauer, typische EEG-Veränderungen 6
- Andere neurodegenerative Erkrankungen mit rasch fortschreitender Demenz
- Autoimmunenzephalitis
- Psychiatrische Erkrankungen (insbesondere zu Beginn)
- Andere Formen der Prionenerkrankungen (genetische CJD, iatrogene CJD)
Diagnostische Kriterien für vCJD
Die diagnostischen Kriterien für vCJD wurden validiert und zeigen eine hohe Spezifität (100%) 1:
Obligate Kriterien:
- Progressive neuropsychiatrische Störung
- Krankheitsdauer > 6 Monate
- Ausschluss alternativer Diagnosen
Kernklinische Merkmale:
- Frühe psychiatrische Symptome
- Persistierende schmerzhafte sensorische Symptome
- Ataxie
- Myoklonien oder Chorea oder Dystonie
- Demenz
Unterstützende Befunde:
- Bilaterales Pulvinar-Zeichen im MRT
- Keine typischen EEG-Veränderungen wie bei sCJD
- Nachweis von PrPSc in Tonsillenbiopsie
Prognose
- Universell tödlicher Verlauf 5, 2
- Keine kurative Behandlung verfügbar 2
- Mediane Überlebenszeit von 14 Monaten nach Symptombeginn 1
- Fokus auf symptomatische und palliative Behandlung 5
Wichtige Hinweise für die klinische Praxis
- Bei jungen Patienten mit psychiatrischen Symptomen und nachfolgenden neurologischen Auffälligkeiten sollte an vCJD gedacht werden
- Das Pulvinar-Zeichen im MRT ist ein wichtiger diagnostischer Hinweis
- Die definitive Diagnose erfordert eine neuropathologische Untersuchung, entweder durch Hirnbiopsie oder post mortem 2
- Beachten Sie die Möglichkeit einer asymptomatischen Infektion und das Risiko einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung durch medizinische und chirurgische Eingriffe 2